Willkommen – und schnell weiter

Griechenland bemüht sich um einen menschlichen Empfang für Flüchtlinge. Die Bürger fangen das auf, was die Politik nicht leistet.

Von Stephanie Cisowski

Die Touristen sitzen vor den Cafés und warten auf ihren Kaffee – die Flüchtlinge sitzen auf den Bänken daneben und warten auf ihre Weiterreise. So bizarr ist das Bild nun fast jeden Tag, auf dem Viktoria-Platz mitten in Athen. Der Afghane Ahmad und seine Frau Masumah schauen Ihren beiden kleinen Söhnen, 8 und 5 Jahre alt beim Spielen zu. Einer fehlt.

Ahmad und Masulah aus Afghanistan teilen ihr Schicksal mit tausenden Menschen, die über Griechenland nach Europa fliehen.

Ahmad und Masulah aus Afghanistan teilen ihr Schicksal mit tausenden Menschen, die über Griechenland nach Europa fliehen.

„Schon sechs Monate warten wir auf unsere Weiterreise nach Deutschland. Unser dritter Sohn ist bereits dort. Wir vermissen ihn sehr “, sagt die junge Mutter. Ihr Blick ist traurig in dem Moment – aber die Hoffnung hat sie noch nicht aufgegeben. In Deutschland will sie als Schriftstellerin arbeiten und ein Buch über ihre Erlebnisse in ihrer Heimat und die auf der Flucht schreiben. Ihr Mann ist gelernter Schuhmacher und musste 3200 Dollar für die Reise nach Griechenland an Schlepper zahlen. „Wir wollen eine sichere Zukunft für unsere Kinder, sie in die Schule schicken und ein normales Leben führen“, sagt Ahmad.

Er und seine Familie sind nur 4 der mehr als 200.000 Flüchtlinge, die nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks UNHCR allein von Januar bis Anfang September 2015 über Griechenland in die EU eingereist sind.

Es sind Menschen jeden Alters, vor allem aus Syrien, Afghanistan, Irak und dem Iran, die den gefährlichen Weg von der Türkei über das Ägäische Meer auf die griechischen Inseln und schließlich nach Athen auf sich nehmen.  Viele von ihnen sind sehr gut ausgebildet und gehören zur Mittelschicht, berichten Athener Flüchtlingsorganisationen. Alle, ganz besonders die Syrer, in deren Heimat nun seit fast fünf Jahren ein aussichtsloser Krieg tobt, sehen in Ihrem Land keine Perspektive mehr. In den benachbarten Ländern wie dem Libanon und der Türkei befinden sich nach offiziellen Angaben Millionen von Flüchtlingen – von denen sich sehr viele auf eine Weiterreise nach Europa vorbereiten.

Hier in Griechenland werden sie in Europa als erstes wilkommen geheißen. Doch hier bleiben wollen sie nicht. „Die Griechen haben uns sehr geholfen und sind sehr gute Menschen. Ich bekomme Wasser, zu essen, einen Schlafplatz“, lobt der 19-jährige Reza in nahezu perfektem Englisch. Doch er will weiter – nach Deutschland oder Schweden, das ist ihm egal. Aber nicht in Griechenland bleiben, dem Land mit den eigenen großen Problemen.

Sein Traum, endlich anzukommen, wird von den aktuellen Meldungen über die EU-Flüchtlingspolitik getrübt. Gerade hat die Bundesregierung erweiterte Grenzkontrollen eingeführt – nur wenige Tage, nachdem Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an alle Mitgliedstaaten appelliert hatte, „menschliche Würde und historische Fairness“ zu beweisen.

In der deutschen Bevölkerung beweisen das auch viele Menschen. Dominique Gillebeert, Integrationsbeauftragte vom rheinland-pfälzischen Ingelheim, ist begeistert. „Das Telefon klingelt ununterbrochen. Wir müssen lange nicht mehr um Hilfe der Bevölkerung bitten. Alle wollen helfen. Das ist wirklich toll.“ Die Kleinstadt beherbergt zur Zeit rund 1300 Flüchtlinge in einer Erstaufnahmeeinrichtung, in einer Zeltstadt sowie in bereits zugeteilten Wohnungen der Kommune.

Doch Gillebeert befürchtet, dass „wir auf EU-Ebene im Moment wohl eher von einer Wilkommenskultur wegrücken. Es ist noch vieles ungeklärt.“  Die Migrationsexpertin betont, dass Europa die Herausforderung im Hinblick auf die schweren Umstände an den EU-Außengrenzen sowie in den Transitländern nur gemeinsam bewältigen könne.

Bis heute gilt in der EU die so genannte Dublin II-Regelung: Ein Flüchtling hat dort Asyl zu beantragen, wo er die EU als erstes betreten hat. Für einen Großteil ist dies Griechenland. Dominique Gillebeert glaubt nicht, dass dieses Verfahren lange Bestand haben wird. Nach Meinung der Expertin muss es zentrale Registrierungsstellen und eine gerechte Quotenverteilung in die Europäischen Länder mit entsprechender Budgetverteilung geben.

Auch in Griechenland sind sich Fachleute einig, dass die EU sich nun beweisen muss. „Diese Krise wird zeigen, ob sich die europäischen Grundwerte von Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität in der Praxis durchsetzen“, sagt Antonis Klapsis, Koodinator für Internationale Zusammenarbeit am Institut für Demokratie „Konstantinos Karamanlis“.

Kontraste in Athen kurz vor den Neuwahlen: Eine Gruß an weiterreisende Flüchtlinge auf dem Athener Hauptbahnhof. Einige Meter entfernt demonstriert die rechtsradikale Partei „Goldene Morgenröte“.

Kontraste in Athen kurz vor den Neuwahlen: Eine Gruß an weiterreisende Flüchtlinge auf dem Athener Hauptbahnhof. Einige Meter entfernt demonstriert die rechtsradikale Partei „Goldene Morgenröte“.

„Trotzdem hat es die griechische Regierung versäumt, rechtzeitig auf die rasant ansteigenden Flüchtlingsströme zu reagieren“, so Klapsis. Er verweist auf die politischen Umstände der letzten acht Monate, das unzureichende Krisenmanagement und den zu starken Fokus auf die Staatsschuldenkrise.

Gerade einmal vor einem Monat hat die UN Griechenland dazu aufgerufen, das „totale Chaos auf den Inseln, auf denen Flüchtlinge ankommen, zu beenden“. Auch im Brief vom EU-Kommissar für Migration, Dimitris Avramopoulos, an das griechische Innenministerium vom 1. September dieses Jahres steht, „Griechenland habe gezögert, EU-Hilfen anzufordern.“

Innenminister Nikolaos Voutsis konterte in seiner Antwort die Kritik. Trotz der finanziellen Last, die „insbesondere die an die Türkei grenzenden Inseln tragen“, hätten es die griechischen Behörden „in sehr kurzer Zeit geschafft, die unkontrollierten und sehr großen Flüchtlingsströme zu regulieren“. Er betonte, dass auch Einheimische „keine Anzeichen  von Fremdenfeindlichkeiten“ aufwiesen.  Die Behörden vor Ort bestätigen das.

„Als die Flüchtlingsströme im Sommer auf einmal so rasant anstiegen, waren die Menschen natürlich verängstigt und unsicher“, sagt Giannis Themliaros von der Insel Leros. „Schnell haben jedoch alle mitgeholfen und jeder hat seine Hilfe angeboten.“ Die „Filoxenia“ – also die berühmte griechische Gastfreundschaft – werde auch in diesen harten Zeiten gelebt, so der Bezirksbeamte der Inselgruppe um Kalymnos. Ziel sei es, die Menschen bei Ihrer Weiterreise so gut es geht zu unterstützen.

Ein ebenfalls gelungenes Beispiel für die Wilkommenskultur in Griechenland trotz Krise ist die Erstaufnahmeeinrichtung im Athener Stadtteil Elaionas. Bis zu 720 Flüchtlinge – vor allem Familien – leben dort in Containerwohnungen, jede zwischen 25 und 30 Quatratmetern groß.

Die Flüchtlingseinrichtung in Elaionas. Bis zu 8 Personen kommen in je einer Containerwohnung mit Betten, Bad, Dusche, Kochecke und Klimaanlage unter bevor die Reise richtung Norden weitergeht.

Die Flüchtlingseinrichtung in Elaionas. Bis zu 8 Personen kommen in je einer Containerwohnung mit Betten, Bad, Dusche, Kochecke und Klimaanlage unter bevor die Reise richtung Norden weitergeht.

Noch bis in den August hinein war die Parkanlage Pedio Areos im Athener Zentrum der Ort, an dem die ankommenden Flüchtlinge in eher sporadischen Zelten unterkamen. Nun hat Athen jedoch ein für das Land einzigartiges Flüchtlingslager. „Die Anlage hier in Elaionas ist das Ergebnis der engen Zusammenarbeit der Stadt, der Region, der Ministerien und der arabischen Gemeinde“, sagt die Leiterin Anthi Karaggeli,  Auch durch die unermüdliche Arbeit von Hilfsorganisationen, Ärzten, Freiwilligen und Bürgern, die „ununterbrochen Sachspenden vorbeibringen“, werde das Projekt seinem Namen als „Gastfreundschafts-Einrichtung“ gerecht. Das Wichtigste sei jedoch, dass sich die Menschen hier frei, sicher und umsorgt fühlen, sagt Karaggeli.  Sie werden informiert über die Möglichkeit, Asyl zu beantragen, sowie über die Rechte der Familienzusammenführung.

„Doch der Großteil möchte nach Zentral- und Nordeuropa weiterreisen und macht sich nach kurzer Zeit – im Schnitt nach nur drei Tagen – bereits wieder auf den Weg“, so Karaggeli. Zur Zeit beherbergt die Anlage zu etwa 90 Prozent afghanische Flüchtlinge. „Syrer, die meist etwas wohlhabender sind, kommen oft in Pensionen unter und treten ihre Weiterreise nach eine beschleunigten Registrierung schneller an“, sagt sie.

Ein unsicherer Weg mit ungewissem Ziel. Die Schlagzeilen von Stacheldrahtzäunen im ungarischen Grenzgebiet, unberechenbare Schlepperbanden und nun die Ungewissheit der Einreise ins Zielland lassen neue Sorgen und Ängste aufkommen. Nach Angaben der Athener Hilfsorganisation „Yefires“ (zu Deutsch „Brücken“), die sich in Athen vor allem um syrische Flüchtlinge kümmert, verlangen Schlepper je nach Zielland bis zu 10.000 Euro. „Wenn es um dein Leben und das deiner Kinder geht, tust du trotzdem alles!“, sagt ein in Athen wartender Flüchtling.

 Vom Beitrag der Politik ist sie enttäuscht

Was es heißt, die Flüchtlinge auf ihrem Weg sich selbst zu überlassen, weiß Lora Pappa, die Vorsitzende der griechischen Nichtregierungsorganisation “METAaction”. Sie stellt mit ihrer Organisation vor allem Dolmetscher, „um den erschöpften Menschen einfach mal zu erklären, was überhaupt passiert und wie es weitergeht.“ Vom Beitrag der Politik ist sie enttäuscht. „Ohne soziales Engagement hätte Griechenland die Lage bei weitem nicht so gut in den Griff bekommen, auch wenn noch viel zu viel zu tun ist“, sagt Pappa.

 

Anfang September 2015: Dolmetscher der Hilfsorganisation „METAction“ klären wartende Flüchtlinge auf der Insel Lesvos auf, wie es weitergeht. (Quelle: Facebook/Metadrasi)

Anfang September 2015: Dolmetscher der Hilfsorganisation „METAction“ klären wartende Flüchtlinge auf der Insel Lesbos auf, wie es weitergeht. (Quelle: Facebook/Metadrasi)

 

Auch Giannis Themliaros von der Insel Leros übt Kritik. „Wir haben es mittlerweile geschafft dafür zu sorgen, dass die Ankommenden versorgt werden und bereits nach etwa zwei Tagen nach Piräus weiterreisen“, sagt er. „Aber es gibt keinen einzigen Menschen, der mir sagt, an wen wir uns in Sachen Grenzschutz wenden können. Die Menschen kommen illegal in unstabilen Booten an; man muss handeln, noch bevor sie zu uns aufbrechen“, erzählt er emotional.

Am vergangenen Sonntag erst sind bei der Überfahrt in der Nähe der Insel Farmakonisi, die zu Themeliaros Bezirksgebiet Kalymnos gehört 34 Flüchtlinge, darunter 15 Kinder bei der Überfahrt ums Leben gekommen.  

„Die Küstenwache ist Tag und Nacht mit einem einzigen Boot im Einsatz. Können Sie das glauben? Nicht einmal Boote bekommen wir gestellt.“, erzält der Beamte, der sich im Hinblick auf die Tragödien, die sich wenige Kilometer entfernt von seinem Sitz im Meer abspielen, machtloß fühlt.  Zwischen 400 und 700 Menschen erreichen allein die Insel Leros täglich. „Was uns Sorgen macht, ist, dass der Winter naht.“

Integrationsexpertin Gillebeert aus Ingelheim ist sich da einig mit ihren griechischen Kollegen: „Irgendwann stößt jeder Freiwillige an seine Grenzen. Die Politik muss reagieren und gemeinsam mit den Bürgern, privaten und gemeinnützigen Sektoren handeln.“

Das EU-Innenministertreffen zur Flüchtlingskrise hat trotz der sich immer weiter verschärfenden Situation keine klaren Einigungen gebracht. Man wolle den Grenzschutz ausbauen und Schleppern unter anderem mit Europol nachgehen, so der Pressebericht des griechischen Innenministeriums vom 15. September.

Die Zeit drängt. Die Schlagzeilen und bewegenden Bilder der Flüchtlinge, die durch Europa in diesen Tagen unterwegs sind, überschlagen sich. „Alles, was im Moment passiert, hätte man vor Jahren wissen können“, sagt der Journalist Stefanos Tsoulakis von der Zeitung „To Paraskinio“, der sich intensiv mit dem Nahen Osten beschäftigt. „Europa ist geübt darin, zu spät zu reagieren. Und das fordert Menschenleben.“

Share Button