Kinder der Krise

Viele junge Griechen haben den Glauben an die Parteien verloren. Diejenigen, die sich noch politisch engagieren, suchen andere Wege. Eine Bestandsaufnahme.

Von Isabella Escobedo Söntgerath

Schon wieder hat Asteris seinen Stand bezogen. Im Foyer der psychologischen Fakultät der Aristoteles Universität in Thessaloniki, auf seinem Posten der linken Studentenvereinigung FAPA, liegt vor ihm auf dem Tisch ein Stapel Flyer, hinter ihm hängen Plakate und Banner: “Wir leben in dunklen Zeiten, aber es gibt Licht am Ende des Tunnels” oder “Kampf und Widerstand gegen die Beschlüsse der EU” steht auf den großen weißen Laken, handgeschrieben. Neben der FAPA haben noch andere Organisationen und Parteien ihre Stände aufgebaut: Eine kommunistische Bewegung und die Interventionistische Linke werben ebenfalls um neue Mitglieder. Scharen von Studierenden schieben sich an den Infotischen vorbei, aber niemand bleibt stehen. “Tatsächlich interessiert sich kaum jemand mehr für Politik”, sagt Asteris. Bis vor wenigen Jahren waren Universitäten in Griechenland politische Orte. Rund 25 Prozent der Studierenden haben sich stets an den Wahlen des Studierendenparlaments beteiligt. Im Vergleich zu deutschen Universitäten, an denen die Wahlbeteiligung bei durchschnittlich 10 Prozent liegt, eine verhältnismäßig hohe Zahl. Seit der Krise hat sich dies geändert. “Das individuelle Wohl, der eigene Lebensunterhalt stehen jetzt mehr im Mittelpunkt als das gesellschaftliche Engagement”, sagt Asteris.

“μάχη” – “Kampf” steht auf dem großen Banner in der philosophischen Fakultät der Universität in Thessaloniki geschrieben.

Der 19-jährige Philosophiestudent gehört zur letzten Bastion der politischen Tradition der Universität. Wann immer er ein bisschen Zeit hat, etwa zwischen zwei Vorlesungen, setzt er sich an den Infotisch, zündet sich eine Zigarette an und wartet. Er glaubt noch an die Kraft seiner Generation und möchte mit seinen Kommilitonen über die Missstände an der Universität, aber auch in der Politik ins Gespräch kommen. In eine Partei eintreten möchte er trotzdem nicht. “Ich habe kein Vertrauen mehr in unsere Regierung”, sagt der Student. Er engagiert sich deswegen lieber im unabhängigen FAPA-Netzwerk, das sich gegen Korruption auflehnt. 

Asteris steht beispielhaft für den Wandel, der sich in der jungen Generation vollzieht. Noch nie war die Wahlbeteiligung der unter 35-Jährigen so gering wie bei den vorgezogenen Neuwahlen im September 2015. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung im Referendum im Juli zuvor gegen die EU-Reformen votiert hatte, stimmte Tsipras den Sparmaßnahmen zu. Die Jugend, deren Zukunft am stärksten von der Austeritätspolitik betroffen sein würde, fühlte sich von der Regierung hintergangen. In einer Umfrage von 2016 gaben mehr als 80 Prozent der unter 35-Jährigen an, dem Parlament nicht mehr zu vertrauen. “Die Krise hat in der jungen Generation eine politische Apathie ausgelöst,” sagt Christos Fragkonikolopoulos, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität von Thessaloniki. Den Grund dafür sieht er in den falschen Versprechen, die die Regierung, insbesondere Tsipras, in den Krisenjahren gegeben hat. “Man könnte sagen, die Generation hat die Hoffnung in die Regierung aufgegeben und trauert um ihre verlorene Zukunft”, sagt Fragkonikolopoulos. Die 18- bis 25-Jährigen kennen ein Griechenland ohne Krise kaum mehr. Der Frust der Eltern hat sich auf die junge Generation übertragen.

Yiannis Mavris, Politikwissenschaftler und Gründer des griechischen Umfrageinstituts Public Issue, beobachtet dennoch eine politische Mobilisierung der jungen Generation. “Allerdings geschieht sie mit einer Abkehr vom herkömmlichen Parteiensystem,” sagt Mavris. Jene, die sich wie Asteris noch engagieren, tun es eher in informellen Bewegungen und Initiativen.  “Das ist einerseits eine positive Entwicklung, gleichzeitig jedoch eine Gefahr für unser demokratisches Parteiensystem”, urteilt Mavris. Es werde immer schwerer zu überblicken, was die Gesellschaft wirklich bewegt.

Ein Mittwochabend im Eterotopia, dem Treffpunkt der Jugend von SYRIZA in der Ptolemeonstraße in Thessaloniki. Mit einer Bar, großen Musikboxen und zahlreichen Sitzecken ausgestattet, erinnert der Raum in dem etwas heruntergekommenen Jugendstilhaus an ein hippes Studentenlokal. An den Wänden hängen Poster von Frida Kahlo und Bob Dylan, auf dem alten Bildschirm am anderen Ende des Raums singt sich eine griechische Indie-Band durch die Youtube-Playlist. Es ist früh am Abend, Lida und Despoina, 20 und 19 Jahre alt, sind noch zu zweit im großen Veranstaltungsraum. Die beiden Studentinnen sind erst kürzlich der Partei beigetreten, in die viele andere ihren Glauben verloren haben. Warum? “Wir können nicht erwarten, dass eine regierende Partei von einem auf den anderen Tag all das wieder gut macht, was in den Jahren zuvor von anderen falsch gemacht wurde”, sagt Lida. Wenn sie über das Referendum spricht, klingt sie enttäuscht. Trotzdem: Sie bleibt. Auch aus Angst, rechtspopulistische und nationalistische Parteien könnten sonst bald die Mehrheit im Parlament übernehmen. 

“Eterotopia” bezeichnet nach Foucault einen Ort, der nach eigenen Regeln funktioniert und ist der Name des Jugendtreffs der linken SYRIZA-Partei in Thessaloniki.

Auch Professor Christos Fragkonikolopoulos befürchtet diese Entwicklung. Schon jetzt beobachtet er vor allem in der jungen Generation eine Rückkehr zu konservativen und nationalistischen Werten. “Das Scheitern von SYRIZA spielt den Rechten in die Hände”, urteilt er. Die EU-Skepsis nach den strengen Sparauflagen befeuert zudem das Misstrauen in die Europäische Union und die Rückbesinnung auf die nationale Identität. Die einzige Lösung sieht Fragkonikolopoulos im Dialog: “Wir brauchen soziale Räume, um miteinander in Gespräch zu kommen. Und wir dürfen nicht indifferent bleiben.” Aus diesem Grund sitzt auch Asteris noch fast jeden Tag im Foyer der Universität – und wartet geduldig. 

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