Bildung in Not

Seit 2016 gibt es in Griechenland extra Unterricht nur für Flüchtlingskinder. Trotzdem kommt die Bildung längst nicht bei allen Flüchtlingen an.

Von Julia Ruhs

Von Unterricht kann Berin gar nicht genug bekommen. Für einen Teenager sicher ungewöhnlich. Aber seine Geschichte ist auch keine alltägliche. Vor eineinhalb Jahren ist Berin zusammen mit seiner Familie aus Damaskus geflohen. Nun lebt der 17 Jahre alte Syrer in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands. Anfangs wohnte er zehn Tage lang in einem nahe gelegenen Flüchtlingscamp, danach zog er mit seiner Familie ins Stadtinnere. Hier geht er nun zur Schule – morgens in die öffentliche Schule, nachmittags in den Unterricht einer NGO. Verpflichtend ist der nachmittägliche Unterricht nicht, Berin geht dort freiwillig hin. Seinen ganzen Tag opfert er fürs Lernen. Seine Freunde können das nicht immer nachvollziehen. Für ihn ist es jedoch eine Selbstverständlichkeit: „In meinem Alter muss man viel lernen. Wenn ich einmal 25 Jahre alt bin, ist es für mich dann leicht, einen Job zu finden. Also muss ich mich jetzt anstrengen“, erklärt er. Sein Lieblingsfach: Griechisch. „Denn wie soll ich mich denn sonst hier verständigen, wenn ich die Sprache nicht lerne?“.

 

Berin ist eines von vielen Flüchtlingskindern, die nun in Griechenland ein neues Zuhause gefunden haben. Doch längst nicht alle sind so motiviert wie er. Häufig gibt es Schwierigkeiten, denn viele Kinder sind seit Jahren raus aus der Schule – manche haben auch noch nie ein Klassenzimmer von innen gesehen. „Wenn Kinder älter als zwölf sind, ist es schwer, sie wieder in den Unterricht einzubinden“, sagt Dora Kokozidou vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Thessaloniki. Denn oft hätten sie keine Lust auf Schule, sähen darin keinen Sinn. „Es ist sehr hart, einen Teenager davon zu überzeugen, dass Schule gut für ihn ist. Die denken häufig, sie sind schon erwachsen, auch weil sie schon so viel miterleben mussten.” Dabei geht es im Schulunterricht gar nicht nur um Wissen in Mathe oder Englisch: „Es ist nicht unbedingt die Bildung, die die Flüchtlinge dringend nötig haben. Wichtiger ist es, wieder eine Routine zu bekommen, eine Art Normalität einkehren zu lassen. Sie müssen daran gewöhnt werden, morgens wieder aufzustehen“, sagt Kokozidou.

Laut einem Bericht von UNHCR geht insgesamt nur jedes zweite Flüchtlingskind auf der Welt zur Schule. Sechs von zehn Flüchtlingskindern sind es noch im Grundschulalter, aber nur noch zwei von zehn Flüchtlingen besuchen die weiterführende Schule.  

Wie viele Kinder gehen in die Schule?

Auch in Griechenland zeigt sich ein ähnliches Bild, weiß Dora Kokozidou vom UNHCR. Höchstens etwa 30 Prozent der Flüchtlingskinder gingen zur weiterführenden Schule. Die Gründe seien unterschiedlich. „Es spielen auch psychische Probleme eine Rolle“. Im Vergleich zu Kindern, die nicht fliehen mussten, haben Flüchtlingskinder jedoch einen deutlichen Nachteil in ihrer Zukunft, da sie im Schnitt deutlich ungebildeter sind.

Um Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingscamps besser ins Bildungssystem zu integrieren, gibt es in Griechenland seit Oktober 2016 ein spezielles Bildungsprogramm. Es wurden Willkommensklassen in öffentlichen Schulen etabliert, die nachmittags nach dem regulären Unterricht stattfinden und täglich vier Stunden dauern. Diese Klassen sind für die Grundschule und die Unterstufe der weiterführenden Schulen obligatorisch. Sie sind ausschließlich für Flüchtlinge. Das Ziel dabei: Der Unterricht soll die Kinder nach und nach auf den normalen Unterricht in griechischen Schulen vorbereiten. In den Willkommensklassen wird Griechisch, Mathe, Englisch, Informationstechnologie (IT), Kunst und Sport unterrichtet. „Die Kinder sollen nicht nur lernen, sondern auch ein wenig Ablenkung bekommen, deswegen wird beispielsweise auch Fußball und Basketball gespielt“, erklärt Kokozidou vom UNHCR. Finanziert wird das Bildungsprogramm hauptsächlich durch Gelder aus dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds der Europäischen Union. Involviert ist außerdem die Internationale Organisation für Migration (IOM), die die Kinder mit Bussen aus ihren Camps in die Stadt bringt, damit sie dort den Nachmittagsunterricht besuchen können.

 

Sind die Kinder ein Jahr lang in Griechenland, gehen sie statt in die Nachmittagsschule in den morgendlichen Schulunterricht – also in den regulären, den auch die griechischen Schüler besuchen. Denn dann verstehen sie schon ausreichend die Sprache und können dem Unterricht folgen. Für Schüler, die nicht in Camps, sondern in der Stadt wohnen, gibt es jedoch eine andere Regelung: Sie dürfen sofort in den morgendlichen Unterricht und müssen nicht erst die Willkommensklassen besuchen.

Obwohl die Einführung des Nachmittagsunterrichts 2016 ein wichtiger Schritt war, gab es von Anfang an Probleme: Denn der Unterricht wurde nur sehr langsam eingeführt, es haperte an der Umsetzung, da die betroffenen Schulen und die lokalen Behörden nur eine kurze Vorbereitungszeit hatten. Es fehlten außerdem viele Willkommensklassen, vor allem auf den griechischen Inseln. Das führte dazu, dass viele Flüchtlinge keinen Zugang zu staatlicher Bildung hatten. Auch Lehrer mit genug Erfahrung und ausreichender Qualifikation fanden sich nicht immer. Denn kaum jemand von ihnen konnte Arabisch, weshalb es schwierig war, sich mit Kindern zu verständigen, die erst kurze Zeit im Land waren. Auch beim Umgang mit traumatisierten Kindern waren viele Lehrer überfordert. 

Neben dem staatlichen gibt es außerdem zusätzlichen, informellen Schulunterricht für Flüchtlingskinder. Dieser Unterricht wird hauptsächlich vom UNHCR finanziert und von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen (NGO) durchgeführt. Dort bekommen die Kinder Unterstützung bei den Hausaufgaben und haben ebenfalls normale Schulstunden, wo die wichtigsten Fächer abgedeckt werden. Wer will, kann zu beidem gehen: Zum regulären und zum informellen Unterricht, das eine vormittags, das andere nachmittags  – so wie Berin, der 17-jährige Flüchtlingsjunge aus Damaskus.

 

Flüchtlingscamp in der Nähe von Thessaloniki; November 2016 (mit Zelten), Quelle: Google Earth

Maria* ist Griechischlehrerin und arbeitet für eine NGO in einem Flüchtlingscamp in der Nähe von Thessaloniki, gibt den Kindern dort also ergänzenden, informellen Schulunterricht. Ihr Klassenraum, in dem sie die Kinder unterrichtet, befindet sich in einem Container. Früher gab es nicht einmal das – die Schulstunden fanden in Zelten statt. Oft auch unter freiem Himmel, ohne einen richtigen Platz zum Schreiben. „Jetzt ist alles viel besser organisiert als damals. Aber natürlich – auch Container sind kein guter Ort um zu unterrichten“, findet sie.

 

Flüchtlingscamp in der Nähe von Thessaloniki, September 2017 (jetzt mit Containern). Quelle: Google Earth

Der Großteil der Flüchtlinge in Marias Unterricht kommt aus Syrien, die meisten lebten davor einige Zeit in der Türkei und reisten von dort aus weiter auf die griechischen Inseln, beispielsweise nach Lesbos, Kos oder Idomeni. Von dort aus kamen sie nach Thessaloniki und fanden Unterschlupf in ihrem Camp. 

Viele der Flüchtlinge warten nun im Camp darauf, innerhalb Europas weiterreisen zu können, vor allem die syrischen Flüchtlinge. Sie wollen nach Deutschland oder Schweden. „Für sie ist Griechenland nur ein Transitland. Sie gehen nicht so regelmäßig zur Schule wie andere, weil sie keinen Sinn darin sehen, Griechisch zu lernen“. Auch Dora Kokozidou bestätigt das. „ Viele denken, dass sie Griechenland ohnehin verlassen werden. Da lohnt sich es nicht, in die Schule zu gehen und eine schwierige Sprache zu lernen“. Maria spricht in solchen Fällen zwar mit den Eltern, aber viele kontrollieren ihre Kinder nicht. Denn oft sind die Eltern selbst psychisch angeschlagen und überfordert mit der Situation. Flüchtlinge aus anderen Ländern wollen dagegen meistens in Griechenland bleiben. Sie wüssten, dass sie keine guten Chancen auf legalen Aufenthalt anderswo haben, erzählt sie. Die Statistik gibt ihnen Recht: Etwa 94 Prozent der Syrer sind in der EU schutzberechtigt, aber nur 56 Prozent der Iraker und 47 Prozent der Afghanen.

Doch nicht nur wegen der Aussicht auf Weiterreise lernen viele der Flüchtlinge kein Griechisch. Auch dadurch, dass sie alle im Camp sehr isoliert sind, ist der Anreiz des Lernens längst nicht so groß. „Man kommt auch ohne Griechisch gut durch, weil man unter sich ist. Die geflüchteten Menschen, die dagegen im Stadtzentrum leben, müssen Griechisch lernen, damit sie sich im Supermarkt verständigen können oder Arbeit finden“.

 

syrischer Flüchtling, schreibend

 

Ein großes Problem in Marias Unterricht: Die Kinder haben einen komplett unterschiedlichen Bildungsstand. Manche sind nicht einmal in ihren Heimatländern zur Schule gegangen, sprechen selbst ihre Muttersprache nicht fehlerfrei und können nicht gut schreiben. Andere haben psychologische Probleme oder Lernstörungen. Und dann gibt es wiederum die, die schon gut Griechisch sprechen und schnell dazulernen. Das stellt Maria immer wieder vor Herausforderungen. „Mein Hauptziel ist, dass sie die gesprochene Sprache gut lernen. Und ich will, dass sie die Schule lieben, dass sie verstehen, dass Bildung sehr wichtig für sie ist. Deshalb versuche ich meinen Unterricht so interessant wie möglich zu machen“. Sie bringt den Kindern Dinge bei, die sie in jedem Land der Welt brauchen können und versucht sie so auf das Leben außerhalb des isolierten Camps vorzubereiten. „Ich achte auch darauf, ihnen Tugenden zu vermitteln, wie Freundschaft, Toleranz, Demokratie, europäische Werte und Offenheit für kulturelle Vielfalt. Wir Lehrer bringen ihnen auch bei, dass in Europa Jungs und Mädchen gleich sind. Dass man sich auch zusammen an einen Tisch setzen kann, ohne dass das seltsam ist.”

So wie die Flüchtlingskinder Griechisch lernen, so lernen Maria und andere Lehrer im Camp im Gegenzug Arabisch. „Wir machen das, um zu zeigen, dass wir ihre Kultur respektieren und um mit ihnen und den Eltern besser kommunizieren zu können.“ Denn die Mehrheit der Kinder in ihrem Camp spricht kein Englisch.

Maria macht ihren Beruf gerne, trotz aller Schwierigkeiten. „Ich bin glücklich helfen zu können. Ich kann mit meinem Job dazu beitragen, das Leben der Kinder zu verbessern.“ Ein paar Punkte jedoch würde sie im Camp gern ändern. Vor allem gebe es viel zu wenige Psychologen für so viele traumatisierte Menschen: „Wir haben nur eine Psychologin, die zweimal die Woche kommt. Das ist kaum etwas, denn so gut wie jeder hier im Camp ist psychisch angeschlagen“. Außerdem findet sie es falsch, die Menschen in den Camps so stark zu isolieren. Denn dadurch würde Integration eher verhindert, weil kaum Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung besteht. „Ich fände es besser, wenn die Kinder in den Camps direkt zum morgendlichen Unterricht in den Schulen gehen würden. So wie es bei den Kindern in der Stadt ja schon der Fall ist“. Bei der griechischen Bevölkerung, vor allem bei Eltern schulpflichtiger Kinder dürfte solch eine Regelung allerdings auf heftigen Gegenwind stoßen.

 

Flüchtlingscamps in Griechenland

UNHCR 2018, Flüchtlingscamps rund um Thessaloniki

Auch in der kommenden Zeit wird das Thema “Bildung und Flüchtlinge” Griechenland noch beschäftigen. Grund dafür sind die wieder steigenden Flüchtlingszahlen. In Griechenland kamen zwischen Januar und Juli 2018 etwa 26 000 Flüchtlinge an, davon circa zwei Drittel über die Östliche Mittelmeerroute, der Rest über den Landweg. Im Jahr 2017 kam im selben Zeitraum nur etwa die Hälfte der Flüchtlinge an. Zwar sind die Flüchtlingszahlen bei weitem nicht mehr so hoch wie im Rekordjahr 2015. Aber zwei Jahre nach dem Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei und dem Schließen der Balkanroute gelangen nun wieder mehr Menschen über die Türkei nach Griechenland. Darunter sind auch viele Türken, die von der politischen Situation in ihrem Land fliehen müssen.

Circa 36 Prozent der in Griechenland strandenden Flüchtlinge waren in diesem Jahr Kinder, zwölf Prozent davon unbegleitete Minderjährige. Damit kamen in Griechenland deutlich mehr Kinder an als in Spanien oder Italien. Die allermeisten stammen aus Syrien. Für viele der ankommenden Menschen wird also Schulbildung noch eine wichtige Rolle spielen.

 

Auch der Bürgermeister von Thessaloniki, Giannis Boutaris, bezeichnet die Bildung als größte Herausforderung für Griechenland und für seine Stadt. „Bildung ist Nummer eins in jedem Land”. Auch die Schulbildung von Flüchtlingen liegt ihm am Herzen. Und er würde die Menschen gern auch im Land behalten: „Wir versuchen die Flüchtlingsfamilien zu überzeugen, dass sie in Griechenland bleiben. Ich glaube auch, dass wir mittlerweile erfolgreich sind. Denn das Leben in Deutschland oder Schweden ist nicht unbedingt ein besseres als hier in Griechenland, wie viele Flüchtlinge immer glauben.“

Der 17-jährige syrische Flüchtling Berin jedenfalls will in Griechenland bleiben. Er möchte nicht weiterreisen, wie es viele andere Syrer vorhaben. Deshalb lernt er auch so fleißig die Sprache. Er fühlt sich hier in Thessaloniki willkommen – die Stadt und die Leute erinnern ihn sehr an Damaskus. Wenn Berin erwachsen ist, will er Anwalt werden, erzählt er. Seinen Vater stolz machen, der früher nicht die Chance hatte, sein Jurastudium zu beenden. Für Berin ist der Schulunterricht der Schlüssel zum Erfolg: „Wenn du nichts weißt und nicht schreiben kannst, dann mögen die Leute dich nicht. Nur wenn du lernst, dann wirst du einen Job finden“.

 

*Name geändert. Sie will ihren richtigen Namen und den Namen ihrer NGO nicht nennen, da sie Angst hat, Probleme mit ihrem Arbeitgeber zu bekommen. Sie sagt, sie sei nicht autorisiert, mit den Medien zu sprechen. Dass hier in Griechenland Journalismus nur mit sehr viel Autorisierungen und Misstrauen verbunden ist, musste ich während der Recherche mehrmals feststellen.

 

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