Protest der Praktikanten

Charlotte Mack

Zu Tausenden kommen Praktikanten nach Brüssel. Fünf Sprachen fließend sind hier keine Seltenheit,   jahrelange Praktika ein Muss – doch die Bezahlung ist lau.   “Stoppt die Ausbeutung”, fordern die Praktikanten nun – und protestieren.

Fünf Sprachen fließend, zahlreiche Stipendien, Praktika im Bundestag, in der Nationalversammlung in Paris sowie bei der EU-Kommission in Bern: Der Lebenslauf von Samuel lässt kaum einen Wunsch für Arbeitgeber offen. Könnte man meinen. „Aber für Brüssel bist du nie gut genug, es reicht nie“, sagt Samuel, der seinen Nachnamen lieber nicht nennen möchte.  Nach zwei Jahren Praktika ist er auf der Suche nach einer Anstellung. „Die Konkurrenz belastet. Wenn du denkst, du bist etwas Besonderes, dann komm einmal hier nach Brüssel. Hier bist du es nicht mehr.“

Mit seinen 27 Jahren glänzen bereits zwei internationale Bachelor- und zwei Masterabschlüsse in seinem Lebenslauf. Der Franzose zählt sie mit seinen Fingern auf: grande école, Eliteunis in Frankreich und Deutschland. Doch er schüttelt den Kopf. „In Brüssel ist das die Norm.“

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Jährlich arbeiten rund 5800 Praktikanten in der EU-Hauptstadt, wie die Jugendinitiative InternsGoPro angibt. SpiegelOnline schätzt die Zahl der Brüsseler Praktikanten auf 8000.

„Es ist eine Armee an Praktikanten in der Stadt“, sagte Samuel. „Aber die Jobs werden schlecht bezahlt, die Praktikanten-Auswahl ist groß.“ Der Franzose mit karibischen Wurzeln hospitiert derzeit in einer Lobbyagentur. Seinen Lebensunterhalt kann er nur zu 50 Prozent selbst bestreiten. Für sein Praktikum erhält er nur eine Aufwandsentschädigung von wenigen hundert Euro – er ist auf seine Eltern angewiesen.

Die „Hauptstadt Europas“ spiegelt die Situation der Praktikanten im Kontinent wieder. Rund 4,5 Millionen Europäer absolvierten im Jahr 2013 ein Praktikum, 59 Prozent von ihnen bekamen dafür keinen Lohn. Das ist das Ergebnis des Eurobarometers 2013, einer von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebenen, öffentlichen Meinungsumfrage. Demzufolge gaben mehr als die Hälfte der bezahlten Praktikanten an, durch ihre Arbeit ihren Lebensunterhalt nicht selbst erwirtschaften zu können.

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„Aber Praktika sind Pflicht, ohne sie gibt es keine Festanstellung, und dieses ungeschriebene Gesetz kennt jeder“, sagt Regis Pradal, ein Brüsseler Wirtschaftsingenieur. Nach drei Praktika hatte er die Nase voll. „Ich habe an der Armutsgrenze gelebt, das war einfach nicht länger tragbar.“ 2013 gründete Pradal mit Freunden die Initiative InternsGoPro. Der Name soll ein Aufruf sein: „Interns go professional!”, auf Deutsch: “Professionalisiert euch, Praktikanten!”

Vergangene Woche veranstalteten sie gemeinsam mit weiteren Jugendorganisationen Demonstrationen zum Europäischen Praktikantentag. 200 Jugendliche protestierten Pradals Angaben zufolge im Zentrum des Brüsseler EU-Viertels. 5000 hätten auf sozialen Medien ihre Solidarität bekundet.

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Doch die Lobby für Praktikanten ist klein. „Noch haben zu viele junge Menschen Angst, ihren Ruf zu zerstören. Sie fordern ihre Rechte nicht  laut genug ein“, so Pradal. „Wir möchten ihnen eine Stimme geben.“

Das Interesse von Arbeitgebern und Unternehmern an der Situation europäischer Praktikanten scheint verhalten zu sein. „Die Praktikasituation junger Leute ist ein europaweites Thema. Als rein wirtschaftsbasierte Vertreter der Arbeitgeber können wir uns damit jedoch nicht beschäftigen“, sagt ein Sprecher des größten europäischen Arbeitsgeberverbands, Businesseuropa, gegenüber dialoggers.eu. Die Thematik zu bewerten obliege den einzelnen Arbeitgebern Europas individuell.

In der Politik wird die Situation der Praktikanten zunehmend lauter diskutiert. “Unbezahlte Praktika sind eine moderne Form von Ausbeutung”, twitterte Martin Schulz, der Präsident des Europa-Parlaments, während des Europawahlkampfs im April.

Praktika sind ein immer größer werdendes Problem in Europa, warnt auch der Generalsekretär des Europäischen Jugendforums, Allan Päll. Nicht mehr das Lernen stehe im Mittelpunkt. „Wir stellen fest, dass mehr und mehr Praktika herkömmliche Arbeitsstellen ersetzen“, sagte Päll auf dem Europäischen Praktikantentag Mitte Juli in Brüssel. „Konzerne nutzen das aus. Und die öffentlichen Institutionen ebenfalls.“

InternsGoPro möchte Jugendliche vor Ausbeutung schützen. Die Initiative entwickelte ein Online-Rating für Praktika. Ehemalige Hospitanten können dort ihre Praktika bewerten und so zukünftige Praktikanten warnen oder beraten. Noch nicht einmal eine Woche ist das Rating online und bereits häufig auf sozialen Netzwerken geteilt.

„Für Deutsche ist die Situation weniger dramatisch, sie haben genügend Arbeitgeber und Arbeitsmöglichkeiten im eigenen Land“, sagt Samuel. „Aber zum Beispiel in Frankreich oder in Europas südlichen Ländern ist die Situation prekär.“ Brüssel sei für die Jugendlichen oft die einzige Möglichkeit, eine Karriere zu beginnen.

Laut Eurostat lag die Jugendarbeitslosigkeit im Juli 2014 in Deutschland bei 7,8 Prozent. In Griechenland waren dagegen 58 Prozent der Jugendlichen arbeitslos gemeldet, dicht gefolgt von Spanien mit 54 Prozent.

„Jugendliche verfügen über die geringste soziale Absicherung“, sagt die spanische Vertreterin des Ausschusses für Kultur und Bildung, Eider Gardiazabal Rubial. „Praktikanten gehören dabei zu den schwächsten Teilnehmern des Arbeitsmarktes und leiden am meisten unter Armut und Ungleichheit.“

Im Frühjahr 2013 wurden europäische EU-Fördermittel im Rahmen des Europäischen Sozialfonds erweitert und die Beschäftigungsinitiative für Jugendliche (YEI) ins Leben gerufen.

In Deutschland will die Regierung im Jahr 2015 den gesetzlichen Mindestlohn einführen. Die 8,50 Euro pro Stunde sollen auch für Praktikanten gelten. Monatlich wären das rund 1.400 Euro. „Wer einen Ausbildungs- oder Studienabschluss hat, hat Anspruch auf den gesetzlichen Mindestlohn. Damit ist die «Generation Praktikum» beendet“, sagte die Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Der Mindestlohn wird jedoch nicht für Pflichtpraktika gelten – und erst für Praktika ab sechs Wochen. Ob dadurch Praktikastellen eingekürzt werden, ist derzeit umstritten.

Deutschland, Frankreich oder doch wieder Belgien – wo Samuel in wenigen Wochen sein wird, weiß er nicht. Sein Praktikum in Brüssel endet Ende Juli. „Für mich wird es Zeit für einen Beruf“, sagt der Franzose. „Aber ob es reicht, oder ob es doch wieder ein Praktikum wird… da ist jetzt Warten angesagt.“

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