War Tsipras zu groß?

Tsipras gegen Meimarakis im TV. Die Chefs von Syriza und Nea Demokratia haben sich zur besten Sendezeit im griechischen Fernsehen duelliert. Wer aus der letzten Debatte vor der Wahl am Sonntag als Sieger hervorgeht, bleibt offen. In den sozialen Medien dominieren aber nicht die Inhalte – sondern die Frage, wer größer ist.

Von Martin Honecker

Eines macht Alexis Tsipras den Zuschauern und Wählern gleich zu Beginn klar: mit denen nicht. Eine Zusammenarbeit mit der konservativen Nea Dimokratia lehnt der Chef der linken Syriza-Partei strikt ab. Eine solche Koalition findet er „unnatürlich.“ Er hätte eh lieber eine eigene Mehrheit. Wenn er die nicht bekommt – was angesichts der Syriza-Umfragewerte um die 30 Prozent wahrscheinlich ist – will er nach Möglichkeit wieder mit den rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen (ANEL) von Panos Kammenos gemeinsame Sache machen. Falls die es überhaupt über die Drei-Prozent-Hürde schaffen. Zur Not kann sich Tsipras auch eine Koalition mit den schwachen Sozialdemokraten von der PASOK oder mit der Bürgerpartei To Potami vorstellen.

Sein Rivale Vangelis Meimarakis von der Nea Dimokratia hingegen ist für eine Koalition zwischen Syriza und seiner Partei offen.

Doch schon wenige Minuten später gehen die beiden alles andere als zimperlich miteinander um, in diesem 2er-Duell, das von fast allen Sendern im Land übertragen wird. Sie beschuldigen einander, korrupt zu sein. Und dann zeigen sie einander immer wieder die rote Karte. Das bedeutet: Sie dürfen noch vierzig Sekunden lang auf die Äußerungen des Gegners antworten. Aber nicht nur beim TV-Duell geht es hoch her. Auch auf Twitter erreicht die Diskussion ihre ersten Höhepunkte, wie eine Analyse der Twitter-Kontextsuchmaschine tame.it zeigt. Auf Twitter werden zu diesem Zeitpunkt bis zu 443 Tweets pro Minute mit dem Hashtag #ERTdebate2015 abgesetzt.

GrafikWas die Analyse außerdem zeigt: Die Politiker waren nicht ganz pünktlich. Die Debatte fing sieben Minuten zu spät an. Immerhin pünktlicher als bei früheren TV-Debatten.

Insgesamt ist es eine intensive Debatte. Geprägt von Ironie und gegenseitigen Anschuldigungen. Meimarakis betont immer wieder, was Tsipras alles falsch gemacht hat. Was er richtig machen will, vergisst er dann oft zu sagen. Tsipras betont die 17 Stunden langen Nachtverhandlungen von Brüssel, in denen er mit den anderen EU-Staats- und Regierungschefs um einen Kompromiss gerungen hat. Meimarakis antwortet: „Sie werden nicht nach Stunden bezahlt. Ein Regierungschef wird nach Ergebnissen beurteilt.“

Als die Journalisten Tsipras fragen, warum man ihn überhaupt wiederwählen soll, antwortet der: „Die Leute wollen jemanden, der ihnen die Wahrheit sagt.“ Er gebe zu, Fehler gemacht zu haben. Aber Fehler zu machen bedeute, Erfahrung zu sammeln.

Ein Thema, das Deutschland und Europa im Moment ganz besonders bewegt, kommt erstaunlich kurz. Immer wieder sterben vor der griechischen Küste Flüchtlinge. Und die Lage auf den Inseln ist oft dramatisch. Tsipras sagt bloß, man könne die Flüchtlinge nicht abweisen, schließlich seien sie ja keine Kriminellen. Meimarakis fordert eine bessere Verwaltung auf den Inseln. So könnte denen schneller geholfen werden, die vor Krieg fliehen. Andere könnten dann aber auch besser zurück geschickt werden.

Natürlich ist auch das Verhältnis Griechenlands mit dem Rest der EU ein Thema. Tsipras erzählt von dem gegenseitigen Respekt, den er und Angela Merkel voreinander hätten. Und von den unterschiedlichen politischen Ansätzen, die sie trennen. Und er spricht von der „Schäuble-Falle“ Grexit. Dass Schäuble vorgeschlagen hat, Griechenland könne eine Auszeit vom Euro nehmen, scheint man ihm in Athen noch übel zu nehmen. Jetzt sei die Sache mit dem Grexit aber vom Tisch, betont Tsipras.

Mit so großen Verhandlungen kann Meimarakis als griechischer Oppositionsführer noch nicht glänzen. Stattdessen verliert er für einen Moment die Kontrolle, als er sich beschwert, dass Tsipras vom Fernsehsender größer gezeigt werde, als er tatsächlich sei. Die Frage, wie groß Tsipras im Bild dargestellt wird, bringt Twitter auf die Palme. Um 23:17 Uhr osteuropäischer Zeit finden 585 Tweets mit dem Hashtag #ertdebate2015 ihren Weg ins Netz – außerdem noch einige mehr mit ähnlichen Hashtags. Twitter-Rekord für dieses TV-Duell – mit Unterhaltungswert in weniger als 140 Zeichen:

„Meimarakis ist mit dem was er gesagt hat, noch ein Stück geschrumpft.“

„Nächste Frage: Warum ist seine Maske besser?“

Am Ende ist offen, ob es einen echten Sieger im TV-Duell gibt, auch wenn sich Meimarakis mit seinem beleidigten Kommentar zur Darstellung von Tsipras keinen Gefallen getan hat. Ein Nutzer auf Twitter konnte allerdings schon einen Sieger benennen, bevor die Debatte überhaupt angefangen hatte:

„Die TV-Debatte ist ein Spiel mit zwei Anführern und 7 Journalisten und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“

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