Religion als Friedenstaube

Seit mehr als 40 Jahren ist Zypern in zwei Hälften geteilt, sowohl die Insel, als auch die Hauptstadt. Doch wo die Politik versagt, setzen sich die Religionsgemeinschaften für den Zusammenhalt der beiden Seiten ein. Die religiösen Anführer treffen sich regelmäßig, setzen auf Dialog. Und Pfarrer und Imame büffeln die jeweils andere Sprache. 

Von Julia Ruhs

Pfarrer lernt Türkisch

Pater Kuriakos lernt Türkisch

Konzentriert beugt sich Pater Savvas über sein Türkischbuch und schreibt zögerlich ein Wort nach dem anderen in sein Arbeitsheft. Neben ihm sitzt Pater Kuriakos, auch er überträgt türkische Wörter auf seinen Schreibblock. Beide Pfarrer sind griechisch-orthodox, tragen eine schwarze Kutte, in ihrem Gesicht wachsen lange, graue Bärte. Ihre Muttersprache ist Griechisch, denn sie stammen aus dem südlichen, griechisch-sprachigen Teil von Zypern. Im Haus gegenüber, nur wenige Meter und Treppenstufen von den Pfarrern entfernt, wiederholt Imam Gurhun Ibrahim mit der Hilfe seiner Sprachlehrerin geduldig griechische Vokabeln. Seine Muttersprache ist Türkisch, er kommt aus dem nördlichen, türkisch besetzten Teil von Zypern. Sie alle sind etwa zwischen vierzig und fünfzig und damit längst nicht mehr in dem Alter, die Schulbank zu drücken. Trotzdem lernen sie fleißig die Sprache der politisch verfeindeten Seite.

 

Geteilte Insel, geteilte Hauptstadt, neutrale Pufferzone

Seit die Türkei im Jahr 1974 mit ihren Truppen in Zypern einmarschierte, ist die Insel in zwei Teile geteilt. Die international anerkannte zyprische Regierung übt bis heute nur in der südlichen Hälfte Zyperns Regierungsgewalt aus. Die nördliche ist von den Türken besetzt und nennt sich „Türkische Republik Nordzypern“, wird aber nur von der Türkei und nicht von der internationalen Gemeinschaft anerkannt. Die Teilung verläuft durch die ganze Insel und quer durch die Hauptstadt Nikosia. Eine neutrale Pufferzone, überwacht von den Vereinten Nationen, hält beide Seiten auf Distanz. 

Imam vor House for Cooperation, UN Pufferzone

Imam Gurhun Ibrahim vor dem Home for Cooperation in der UN-Pufferzone

In der Pufferzone, zwischen dem türkisch-zyprischen und dem griechisch-zyprischen Teil, finden auch die Sprachkurse der beiden Pfarrer und von Imam Gurhun Ibrahim statt. Die Kurse organisiert die Initiative „Religious Track of the Cyprus Peace Process“. Wie ein paar andere NGOs auch hat sie ihren Sitz im „Home for Cooperation“. Einer Einrichtung, welche sich ebenso in der UN-Pufferzone befindet. Religious Track wird von der schwedischen Regierung gefördert und setzt sich für Frieden, Menschenrechte und den religiösen Zusammenhalt der beiden Seiten ein. Sie bringt unter anderem die Anführer der Religionsgemeinschaften zusammen an einen Tisch, um so Vertrauen zueinander zu schaffen.

 

Die fremde Sprache der anderen Seite wird vertrauter

One Cyprus Graffiti

Graffiti in der Pufferzone

Heute ist ein besonderer Tag im Sprachkurs: Es ist Pater Savvas Namenstag und Imam Gurhun Ibrahim hat sich extra ein paar Sätze auf Griechisch zurechtgelegt, um ihm zu gratulieren. Dazu besucht er die Pfarrer im gegenüberliegenden Gebäude und steigt die Treppen hoch in den ersten Stock. Es gibt zyprische Süßigkeiten und die Geistlichen reden über die Wortherkunft ihrer Namen, abgeleitet von Heiligen aus dem Koran oder der Bibel. Und sie sprechen davon, bald gemeinsam ein Kloster zu besuchen, mal auf Griechisch, mal auf Türkisch – und wenn der Wortschatz noch nicht ganz ausreicht, auf Englisch.

„Es geht ja nicht darum, dass wir die andere Sprache nachher fließend sprechen. Sondern dass wir ein Verständnis für die Leute der anderen Seite entwickeln“, meint Pater Kuriakos. Etwa zwei Jahre lernen sie nun schon regelmäßig die jeweils andere Sprache im Home for Cooperation. Nach dieser Zeit sind sich die Pfarrer und Imame längst nicht mehr fremd. Sondern unterhalten sich scherzend auch über ganz weltliche Dinge wie ihre eigenen Kochrezepte und Seifenkreationen. „Wir sind froh, die Sprachstunden zu haben. Es ist natürlich auch etwas Symbolisches, aber es wird auf jeden Fall gebraucht. Denn so haben wir Orte, an denen man sich gegenseitig kennenlernen kann. Und wenn wir nicht kommunizieren können, wie können wir zusammen in einem Land leben?”, fragt Pater Savvas rhetorisch und zuckt mit den Schultern. Auch im kleinen Kreis mit den Gläubigen in der Kirche oder der Moschee erzählen sie manchmal von ihren Treffen mit den Geistlichen der jeweils anderen Religion.

 

Die religiösen Anführer machen es den Politikern vor

Diese Zusammenarbeit zwischen den Religionsgemeinschaften ist jedoch längst nicht selbstverständlich. Und selbst auf höchster Ebene verzeichnen die Bemühungen von Religious Track Erfolg: Der zyprische Erzbischof Chrysostomos II. und der Mufti Talip Atalay sind die ersten religiösen Anführer Zyperns in mehr als fünf Jahrzehnten, die sich regelmäßig treffen und erfolgreich zusammenarbeiten. Die beiden Männer sind deshalb so wichtig, weil die orthodoxe Kirche auf der südlichen Seite dominiert und der Islam auf der nördlichen. 

Religionen in Zypern

Mit der Unterstützung von Religious Track wurden seit 2012 neben der orthodoxen Kirche und dem Islam auch religiöse Minderheiten in Zypern, wie  die armenisch-orthodoxe, die katholische Kirche und die maronitischen Katholiken, mit in die Friedensinitiative einbezogen. So sind mittlerweile fünf Glaubensgemeinschaften Teil des interreligiösen Dialogs. Durch diese Zusammenarbeit gibt es nicht nur häufig Treffen, sondern die Köpfe der fünf Religionsgemeinschaften unterzeichnen auch gemeinsame Stellungnahmen: Statements gegen Gewalt gegen Frauen, gegen Terrorismus, 2014 für die Wiederaufnahme von Friedensgesprächen. Und sie setzen sich zusammen dafür ein, dass Angehörige Informationen über das Schicksal der vielen Menschen bekommen, die während der türkischen Invasion verschwunden sind. 

 

Gute Beziehungen zwischen Moslems und orthodoxen Christen

Chrysostomos II. ist mit Abstand der mächtigste religiöse Kopf der zyprischen Religionsgemeinschaften. Denn die griechisch-orthodoxe Kirche hat auf der Insel traditionell einen großen Einfluss: Der erste zyprische Präsident war früherer Erzbischof und die Kirche ist auch heute noch größter Landbesitzer, ihr gehören Hotels und zahlreiche Anteile an Banken und Unternehmen, wie zum Beispiel am größten Getränkehersteller Zyperns.

Zitat Erzbischof

Auch wenn es Kritik an der starken Rolle und den vielen wirtschaftlichen Verstrickungen der orthodoxen Kirche gibt: Der Erzbischof nutzt seine Stellung auch dazu, mehr Vertrauen zwischen den beiden Landesteilen zu schaffen: „Wir versuchen die türkischen Zyprioten davon zu überzeugen, dass wir zusammen ein besseres Leben haben würden. Wir beziehen sie mit ein, aber leider verhindern das die Extreme“, sagt der Erzbischof bei einer Audienz im Erzbischöflichen Palast. „Wenn die türkisch-zypriotischen Politiker auf den Mufti hören würden, dann könnten wir einige Probleme lösen. Es ist kein religiöses Problem, sondern ein politisches“, erklärt er. Seine Beziehung mit dem Mufti sei sehr gut, meint er, und sie träfen sich regelmäßig.

Audienz beim Erzbischof von Zypern

Im Erzbischöflichen Palast von Chrysostomos II.

Imam Shakir Alemdar, Zyperns Vize-Großmufti und Vertreter der Muftis auf der griechisch-zyprischen Seite, bestätigt das: „Wir haben sehr gute Beziehungen, der Erzbischof von Zypern unterstützt uns zu hundert Prozent.” Probleme gäbe es aber noch viele zu lösen. Zum Beispiel sperre sich die Regierung im griechisch-zyprischen Teil der Insel dagegen, Waschräume in den dortigen Moscheen einzurichten, die aber für die Rituale der Muslime unabdingbar sind. „Der Erzbischof unterstützt uns mit unseren Forderungen, auch, weil er weiß, wie wir uns fühlen. Denn im Norden gibt es ähnliche Probleme mit den Kirchen. Wir sind auf beiden Seiten Opfer von Bürokratie und politischer Agenda”, so Imam Shakir. Auch für ihn ist vor allem die Politik das Problem, denn zwischen den religiösen Gemeinden selbst gäbe es viel Respekt auf beiden Seiten und religiöse Kämpfe habe es in der Geschichte Zyperns nie gegeben. 

 

Orthodoxer Süden gläubiger als muslimischer Norden 

Zitat Imam Shakir Alemdar

Durch die starke Rolle der orthodoxen Kirche auf der südlichen Seite ist die Religion auch heute noch ziemlich präsent bei den Menschen: „Auf der griechisch-zyprischen Seite sind die Menschen sehr gläubig. Auf der türkischen Seite wird der Islam weniger streng ausgeübt“, sagt Mete Hatay vom Osloer Institut für Friedensforschung und selbst türkischer Zypriot. Das liege auch daran, dass der Islam in Zypern vom Kemalismus geprägt war, einer strengen Trennung von Staat und Religion – während die orthodoxe Kirche jahrhundertelang auch politischen Einfluss hatte.

Gläubig oder weniger gläubig – für die Leiterin von Religious Track Salpy Eskidjian steht fest, dass die Glaubensgemeinschaften innerhalb der Gesellschaft beim Friedensprozess auf keinen Fall unter den Tisch fallen dürfen. Ein Bericht des Osloer Instituts für Friedensforschung aus dem Jahr 2007 gibt ihr Recht: Denn umso religiöser die Menschen in Zypern, desto seltener passieren sie die Checkpoints zwischen den zwei Landesteilen. Ein Drittel der sehr gläubigen Menschen haben die „Grenze” noch nie überquert, Dreiviertel von ihnen aus Prinzip nicht. Je weniger religiös die Menschen jedoch sind, desto häufiger nutzen sie die Möglichkeit, den anderen Teil der Insel zu besuchen. Dieser Zusammenhang war auch ein Grund, warum Salpy Eskidjian und ihre Organisation die Religion beider Seiten mit in den Friedensprozess einbinden wollten. „Für die Gläubigen hat das eine ganz andere Dimension, wenn sich plötzlich zwei religiöse Führer treffen und Vertrauen zueinander haben.“ Das schaffe Hoffnung bei den Menschen und auch Akzeptanz der anderen Seite.

 

Fünf Religionsgemeinschaften, ein gemeinsames Statement

Als Salpy Eskidjian im Jahr 2009 Religious Track gründete, war es nicht sicher, ob ihr Konzept überhaupt aufgehen würde: „Wenn der Erzbischof nicht den Mut gehabt hätte, mitzumachen, wäre daraus auch nichts geworden. Als Kopf der zyprischen Kirche war er bereit mit einem Moslem zu reden und ihn als einen anderen religiösen Anführer anzuerkennen. Damit sind wir weggegangen von der politischen Anerkennung. Und danach erforderte es auch den Mut der anderen Seite, des Muftis, sein Angebot anzunehmen.“ 

Zitat Salpy Eskidjian

 „Der Erzbischof und der Mufti wissen natürlich, dass sie unterschiedliche Positionen haben“, so Salpy Eskidjian. „Aber im Gespräch ist das nicht wichtig. Sie sprechen auf Augenhöhe – das ist das Schöne an diesem Dialog.“ Aber es gibt auch viele Begrenzungen für die Arbeit von Religious Track, und da ist es auch wieder die Politik, die ihnen die Hände bindet: „Wir brauchen den politischen Willen als Unterstützung“, meint Salpy Eskidjian.

 

Verbundenheit, trotz jahrzehntelanger Teilung

Zusammen mit Pater Savvas und Pater Kuriakos sitzt Imam Gurhun Ibrahim auf einem Sessel im Café des Home for Cooperation, die Ellbogen auf die Armlehnen gestützt. Die Pfarrer in ihren schwarzen Kutten, Imam Ibrahim mit weißer Kopfbedeckung. Trotz ihrer unterschiedlichen Religionen und Sprachen fällt dem Imam immer wieder auf, wie verbunden die beiden Seiten Zyperns eigentlich miteinander sind: „Manchmal, wenn ich auf Griechisch nicht weiter weiß, sage ich das Wort einfach auf Türkisch und hin und wieder verstehen mich die anderen”, erzählt der Imam. Denn die Wörter beider Sprachen sind aus historischen Gründen manchmal sehr ähnlich. Und er meint: „Wenn man Türkisch und Griechisch spricht, von Zypriot zu Zypriot, dann berührt das etwas im Inneren. Das ist anders, als wenn ich Englisch spreche. Man fühlt sich einander näher. Man bemerkt, dass man etwas miteinander teilt.“  

 

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