Zyperns Wirtschaft – nach der Krise auf Erfolgskurs?

2013 standen die größten Banken Zyperns kurz vor der Pleite, das Land rutschte in eine Finanzkrise. Doch der wirtschaftliche Zusammenbruch des Landes konnte durch die EU mit Hilfe eines Rettungsschirms abgewendet werden. Seit 2016 wächst die Wirtschaft wieder, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt. Ist die Krise also erfolgreich überstanden und wie hat Zypern das geschafft?

von Lea Nischelwitzer

Wie viel Geld er nun genau verloren hat, das möchte Adonis Papaconstantinou lieber für sich behalten. Fest steht aber: Als Zypern 2013 die Finanzkrise traf, verlor der 65-Jährige den Großteil seines Ersparten, das bis dahin auf seinem Konto bei der Bank of Cyprus lag. Viele Zyprer waren betroffen. Deswegen gründete er einen Verein, der den Sparern ihr Geld zurückbringen soll und klagt zusammen mit 722 weiteren Betroffenen vor dem Europäischen Gerichtshof. Er ist überzeugt, dass der Rettungsschirm der EU nicht die richtige Lösung war: “Was damals in Zypern passiert ist, ist so weltweit das erste Mal passiert. Und dieses ‘Experiment’ ist kläglich gescheitert.”

Vom Wirtschaftsboom zur Finanzkrise

Zwischen 2002 bis 2008 boomte die Wirtschaft Zyperns, das BIP verdoppelte sich in dieser Zeit auf 27,8 Milliarden Euro, die jährliche Wachstumsrate war durchschnittlich bei vier Prozent. Das lag vor allem am zyprischen Bankensektor: Für private Bankeinlagen zahlten Banken mit jährlich sechs Prozent fast doppelt so viele Zinsen wie der Euro-Durchschnitt; andererseits kurbelten sie mit günstigen Krediten das Immobiliengeschäft an. Zwar wendete Zypern das Tief der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 erfolgreich ab, doch als die Investitionsnachfrage auch in den folgenden Jahren weiter abnahm, kollabierte 2012 schließlich auch das zyprische System: die Banken konnten die Ausfälle von vergebenen Krediten nicht mehr ausgleichen.

Das “Experiment” der Troika

Im März 2013 einigte sich die Regierung Zyperns mit der Troika – bestehend aus Europäischer Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds – auf eine neue Form der Rettungsaktion. Verglichen mit den Finanzkrisen anderer europäischer Länder wie Griechenland, Italien oder Irland, wurden in Zypern zum ersten Mal die Kontoinhaber und Sparer mit in die Verantwortung genommen. Die Troika einigte sich mit der zyprischen Regierung darauf, Zypern mit Krediten in Höhe von 10 Milliarden Euro zu unterstützen, dafür aber auf Guthaben, die über 100.000 Euro lagen, eine Zwangsabgabe einzuführen. Zum ersten Mal in der Geschichte kamen damit nicht die europäischen Steuerzahler, sondern die Zyprer selbst für die Rettung der eigenen Banken auf.

War das der einzige Weg, Zypern zu retten?

Für Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank und früherer Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds, ist es eindeutig: “Damals gab es keine Alternativen. Bei Einlagen über 100.000 Euro reden wir nicht über die Mehrheit der Bevölkerung, sondern höchstens über die obersten zehn Prozent. Die müssen dazu fähig sein, zu überlegen, ob eine Bank sicher ist oder nicht und das Risiko mit einkalkulieren.” Ganz anders sieht das der betroffene Papaconstantinou: “Die Zyprer, die in der Krise ihr Geld verloren haben, hatten das über Jahrzehnte zusammen gespart und waren meist kurz vor dem Ruhestand. Das waren normale Arbeiter, von denen niemand erwarten kann, dass sie irgendwelche Bilanzen lesen können, um sich dann für die richtige Bank zu entscheiden.” Auch er selbst zählt sich nicht zu der zyprischen Oberschicht. Dadurch, dass viele Zyprer nicht gesetzlich versichert gewesen seien und das Sozial- und Krankenkassensystem noch nicht so stark ausgebaut war, traf die Krise damit besonders die Mittelschicht, die privat vorgesorgt hatte. So erklärt sich zumindest Papaconstantinou die Situation.

Eine richtige Alternative gab es nicht, meint auch Andreas Nikitaras, Berater des zyprischen Parlaments. Er erinnert sich aber an die Gespräche und Überlegungen zwischen der Troika und Zypern: “Die Alternative war ein prozentualer Abschlag: 6,6 Prozent auf das Geld unter 100.000 Euro, 7 Prozent auf alles was über dem Betrag lag. Das stellte sich aber als ein Verbot gegen die Europäischen Richtlinien heraus, deshalb wurde das Angebot wieder zurückgenommen.”

Zyperns Weg aus der Krise

Verhältnismäßig schnell verlässt Zypern bereits 2016 den Europäischen Rettungsschirm. Die Kontrollen wurden schrittweise wieder gelockert. In den ersten drei Jahren nach der Krise war es Unternehmen verboten, große Summen ins Ausland zu überweisen, Privatleute durften in den ersten Jahren nicht mehr als 10.000 Euro ausführen. Mittlerweile ist es wieder möglich, größere Summen ins Ausland zu transferieren. Vollkommen gelöst ist die Krise 2016 noch nicht. Die ersten Notkredite konnten zwar von den Banken an die internationalen Geldgeber, darunter auch Russland, bereits zurückgezahlt werden. Der Umgang mit den Krediten, die absehbar nie zurückgezahlt werden können, ist aber weiterhin ungeklärt. Doch insgesamt gewannen die zyprischen Banken ihr Vertrauen zurück, das Wirtschaftswachstum steigt wieder an.

“Im Gegensatz zu Griechenland brauchte Zypern nicht die gewaltige strukturelle Arbeitsmarktreform. Zypern verfügt in vielerlei Hinsicht über einen vergleichsweise flexiblen Markt, auf dem sich die Wirtschaft natürlich schneller von einem Schock erholen kann”, sagt Ökonom Schmieding. Ein flexibler Arbeitsmarkt bindet sich an weniger Regeln, so beträgt beispielsweise der Kündigungsschutz in Zypern nur zwei Wochen und nicht wie in Deutschland einen Monat. Durch die Flexibilität des Marktes, so besagt es die Theorie, kann die Wirtschaft schneller auf Änderungen reagieren und Krisen eher vermeiden.

“Golden Passport” Programm – das Geheimnis zu neuem Erfolg?

Auf dem Höhepunkt der Krise führte die Regierung Zyperns 2013 das “Citizenship by Investment”-Programm ein. Mit diesem Programm ist es  investitionswillige Ausländer möglich, einen zyprischen und damit EU-Pass quasi zu erkaufen. Wer als Nicht EU-Bürger zwei Millionen Euro in Zypern investiert, kann innerhalb von sechs Monaten eingebürgert werden. Bis heute wurden so rund sieben Milliarden Euro in Immobilien und Unternehmen mit Sitz in Zypern investiert und 4000 EU-Pässe ausgestellt. Schmieding sagt: “Das Citizen by Investment Programm hat kurzfristig durchaus geholfen. Allerdings muss Zypern sehr darauf achten, dass es genau prüft, ob es sich bei einem Teil der ins Land gekommenen Gelder nicht doch um Schwarzgeld handeln könnte.” Deshalb verschärfte Zyperns Regierung die Anforderungen für den EU-Pass im Februar 2019 nochmals: Statt der bisherigen drei Jahre, müssen die Gelder nun mindestens über einen Zeitraum von fünf Jahren in Zypern investiert werden. Dennoch ist das Programm EU-weit weiterhin umstritten.

Erdgas und Tourismus: Zyperns neues Geschäftsmodell

Neben dem boomenden Tourismus investiert die Industrie Zyperns in die Schifffahrt. Die größten Hoffnungen setzt das Land allerdings in Erdgas, dass es vor der Küste der Insel entdeckte. Mineralölkonzerne, wie Shell und Delek sollen 2024 mit der Förderung beginnen. Trotz politischer Konflikte mit der Türkei, die die Region des Erdgasfundes für sich beanspruchen möchte, setzt das Unternehmen Exxon Mobile auf die Erdgasbohrungen. Langfristig ist der Bau einer Pipeline geplant, die das Gas nach Westeuropa transportiert.

Die Bilanz des Erfolgskurs: Gut fürs Land, schlecht für die Leute

Aus Sicht der EU hat Zypern die Krise gut überstanden, das “Experiment” der Troika ist gelungen. Aber nicht alle sehen das genauso: “Die Entwicklung Zyperns ist eine Erfolgsgeschichte, wenn man sich die Bilanzen der Regierung ansieht”, meint Papaconstantinou. “Doch das sieht anders aus, wenn das die Bürger des Landes machen, die ihr Erspartes verloren haben: Dann kann man nur noch eine unglückliche Geschichte erzählen.” Er hofft, die Klage vor dem Europäischen Gerichtshof zu gewinnen. Das Wichtigste für ihn ist dabei der Kampf um Gerechtigkeit. Erst an zweiter Stelle kommt sein verlorenes Geld, dass er bei einem Erfolg zumindest teilweise wieder zurückgezahlt bekommen würde.

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