Von Fröschen am Olymp

Nicole Gonsior

Die Berichterstattung über die Euro-Krise hat Edit Engelmann verärgert. Sie hatte dann genug von Vorurteilen und hat deshalb ein Buch geschrieben. Darin schreibt sie als Deutsche aus einer griechischen Perspektive.

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Irgendwann hat es Edit Engelmann gereicht. Die Schlagzeilen in deutschen und griechischen Zeitungen und das Unwissen auf beiden Seiten übereinander haben sie zur Tastatur greifen lassen. In einem Buch hat sie die Missverständnisse der Euro-Krise aufgearbeitet, als Deutsche aus einer griechischen Perspektive.„Krise! Krise! Schulden am Olymp“ heißt das Werk, ist im Größenwahn-Verlag erschienen und hat für positive Resonanz in beiden Ländern gesorgt. Trotzdem will die Wahl-Athenerin keine Fortsetzung schreiben – dafür ist ihr die Situation in ihrer neuen Heimat zu dramatisch geworden.

Humorvoll, sarkastisch und frech hat Engelmann die Ereignisse nach Ausbruch der Krise beschrieben und dabei auf das Tierreich übertragen – in ihrer Erzählung hangeln sich die Medien, Politiker und Banker als Affen, Bären und Wölfe durch den Dschungel. Zum Leidwesen der einfachen Frösche. Aber gerade diese satirische Darstellung sei heute nicht mehr möglich, sagt Engelmann. Denn seit Erscheinen ihres Buches haben sich die Verhältnisse in Griechenland zugespitzt. „Wenn heute alte Frauen in meiner Nachbarschaft Mülltonnen durchwühlen müssen, um etwas zu essen zu finden, kann man in keiner Art und Weise mehr satirisch darüber berichten.“ Auch Engelmann und ihre Familie haben Einschnitte machen müssen, ihr Auto verkauft, ihre Ausgaben eingeschränkt. „Dass Griechenland einmal in so eine Situation kommen könnte, hätte ich nicht gedacht“, sagt die 55-Jährige heute.

Sie hat sich vor zwölf Jahren bewusst für Griechenland entschieden und tut das auch heute noch. Bei einer Konferenz in Brüssel verliebte sie sich in einen Griechen. Nach einiger Zeit Fernbeziehung suchte das Paar nach einem gemeinsamen Zuhause. Für Engelmann war Griechenland die bessere Wahl, auch wegen ihres Sohnes aus erster Ehe. „Hier konnte ich mein Kind ohne Angst auf die Straße lassen, hier wuchs er in einem sicheren und familiärem Umfeld auf.“ Die Entscheidung bereut sie nicht. „Klar, das Leben ist schwieriger geworden. Aber eine Rückkehr nach Deutschland kommt trotzdem nicht in Frage – dort ist auch nicht alles Gold, was glänzt.“ In Griechenland habe sie endlich Zeit und Ruhe für ihre Familie und sich selbst gefunden. Und gelernt, dass materieller Besitz nicht das einzige ist, was zählt.

Genau so wenig, wie sich ihr persönliches Verhältnis zu ihrer Wahlheimat geändert hat, hat sich das Verhalten der Griechen ihr gegenüber verändert. „Sie sind verärgert über Angela Merkel, aber sie haben das nie auf mich als Person bezogen. Ich wurde noch nie unfreundlich angesprochen oder so behandelt, als ob ich an etwas Schuld sei.“ Sie findet es schade, dass gut funktionierende Beziehungen zweier Länder innerhalb von wenigen Jahren kaputt geschrieben werden können. Das sei Journalismus auf niedrigstem Niveau. „Auf beiden Seiten vermisse ich, dass man sich seiner Verantwortung bewusst ist“, sagt sie. Trotzdem hat Edit Engelmann Hoffnung: „Ich kenne zwar mittlerweile nur die griechische Sicht, aber da sind die Schäden nicht irreparabel.“

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