Neue Medien für den alten Kontinent

Das Bedürfnis nach Informationen aus Brüssel wächst ständig. Doch echte europäische Medien gibt es nach wie vor nur wenige – und diese suchen oft noch nach dem richtigen Konzept.

von Anna Klein

Das Berlaymont-Gebäude mitten in Brüssel, Sitz der EU-Kommission. Journalisten und Korrespondenten strömen durch die Sicherheitsschleuse zur mittäglichen Pressekonferenz, verlieren sich im verwirrend verwinkelten Gebäudekomplex. Ein Sinnbild für die europäischen Medien? Nationale Berichterstatter sind in der Überzahl, eine europäische Perspektive vertreten die wenigsten.

berlaymont_press_roomGanz anders sieht das aus, wenn man einmal dem Boulevard Charlemange hundert Meter weiter folgt, ins International Press Center, vierter Stock. Dort befindet sich die Re­daktion von EURactiv, einem Online-Portal für die „Gemeinschaft der euro­päischen Akteure“, so das Selbst­verständnis. Man begreift sich als führendes Medium der Europaberichterstattung und ist nach eigenen Angaben das meistgenutzte Online-Portal zur Europapolitik. Das Erfolgsrezept sei eine Mischung aus journalistischer Unabhängigkeit, Transparenz und Effizienz.

Europäischer Journalismus ist komplex

logo_euractiv_comEffizienz bedeutet offensichtlich auch, dass in jedem freien Winkel des Großraumbüros noch ein Arbeitsplatz untergebracht wurde. Auf den Schreibtischen stapeln sich die Papiere. Mit der Gestaltung der Redaktionsräume scheint man dieselben Corporate-Identity-Spezialisten beauftragt zu haben wie Ryanair: Zitronengelb und Kobaltblau, so­weit das Auge reicht. Die Kombi hebt sich ab vom milchig grauen Nebel, in dem Brüssel so häufig versinkt. Als ähnlich wichtig wie die Billigairline für die Generation Erasmus und ihre Reiselust begreift sich EURactiv für die euro­päische Öffentlichkeit.

Alle Mails zu lesen, die täglich in seinem Postfach landen – das schafft Sarantis Michalopoulos längst nicht mehr. Der griechische Journalist arbeitet seit 2011 für EURactiv. Sein Fazit: „Es ist komplett außer Kontrolle geraten“. Auf den Gängen stapeln sich Ordner und Akten. Es scheint, als wäre das Bedürfnis nach europäischen Infor­mationen schneller gewachsen als die räumlichen Ressourcen, die dafür in Brüssel zur Verfügung stehen. Michalopoulos’ Tastatur ist momentan begraben unter Unter­lagen zu Acrylamid. Der gesundheits­schädliche Inhaltsstoff findet sich in italienischem Espresso, in den geliebten Frites der Belgier oder auch im französischen Biskuit. 2017 möchte die Kommission eine Neureglung dazu voran­bringen, das erklärt Michalopoulos in seinem Artikel. Finanziert wird der von der weltweiten Assoziation der Nickel­produzenten.

Sponsoring, aber transparent

Dieses Sponsoring ist fester Bestandteil des Finanzierungsmodells von EURactiv, neben Mitglieds­beiträgen, Anzeigen und dem Verkauf der Artikel an große Zeitungen in ganz Europa. The Guardian, Wirtschaftswoche, La Tribune, Italia Oggi, El Pais: Im Eingangs­bereich der Redaktion ist das Abnehmer-Syndikat plakativ und gut ausgeleuchtet auf eine Europa-Karte gebannt. Alles transparent, alles objektiv bei EURactiv. Natürlich habe jeder Berichterstatter auch irgendwo einen nationalen Hinter­grund. Michalopoulos selbst wurde vor 30 Jahren in Griechenland geboren, dem langjährigen Sorgenkind der Union, wo heute noch die meisten EU-Skeptiker wohnen. „Doch du musst ausgeglichen spielen, sonst wirst du vom Spiel aus­geschlossen“, sagt er. Durch die Fenster der EURactiv-Redaktion blickt man di­rekt auf das Berlaymont-Gebäude, den Sitz der europäischen Kommission. „Wenn wir ein Thema aufgreifen, dann rüttelt das die Kommission auf“. Doch Europa­berichterstattung ist kompliziert, die Entscheidungsprozesse komplex. Gu­ter Journalismus müsse das überwinden, denn die Komplexität nütze schließlich niemanden, am wenigstem dem euro­päischen Volk. „Und Demokratie muss einfach sein“, findet Michalopoulos.

Neuer Spieler auf dem Medienmarkt

politicologo-svgAlso Europaberichterstattung in sexy. Daran versucht sich jetzt auch ein neues Format, zumindest neu auf dem Boden des Alten Kontinents. Politico ist der neue Ab­leger des US-Magazins und folgt mit seiner EU-Berichterstattung dem Motto „fresh, sharp and fast“. Konsequent durchdekliniert von Personal­politik bis Außenwirkung. Da­hinter steht ein Joint Venture des deut­schen Axel-Springer-Verlags und der amerika­nischen Capitol News Company. Unter dem Label publizistischer Innovation trifft hier inhaltlich konservative Aus­richtung auf unternehmerische Aggres­sivität. Ganz nach dem US-Vorbild.

Doch funktioniert ein Konzept aus der Stadt von House of Cards in der grauen europäischen Hauptstadt? Wer ist die Zielgruppe für den „Tatort Europa“? Als „Lokalzeitung für Europa“ (Die ZEIT) wurde Politico bezeichnet, der Brüsseler Brexit-Ex­perte Jonathan Vorss-Millins sieht es als „elitäres Klatschblatt“. Für die nationalen Korrespondenten sei der morgendliche Newsletter nützlich, weil er Europa auf den Punkt bringe, so ein Agenturjournalist. „Doch mein Eindruck ist, dass Politico hauptsächlich die Filter­blase von Brüssel bedient.“

Kein Game-Changer

Auch die Policy-Maker von Brüssel zwei­feln an der Reichweite des Magazins: “Die Wirkung wird jetzt nicht bahnbrechend sein, dafür ist die Leserschaft zu heterogen. Am Ende des Tages berichten die auch nur für die Filterblase Brüssel. Die Lücke zwischen Infos, Interesse und Öffent­lichkeit, die es in Europa gibt, wird dadurch nicht gefüllt“, sagt Margaritis Schinas, Sprecher der Europäischen Kommission. Doch das will man bei Politico auch gar nicht, denn: „Es gibt keine euro­päische Öffentlichkeit, geschweige denn eine gemeinsame europäische Identität. Höchstens in Krisenzeiten“, sagt Politico-Reporter Quentin Aries.

Der wachsenden Europa-Skepsis be­gegne Politico, indem man auch „die an­dere Seite der Geschichte“ erzähle, die meist nicht abgedruckt werde, so Aries. „Manche Länder fahren eine Politik der zwei Ge­sichter. In Brüssel das eine, in der natio­nalen Hauptstadt das andere Gesicht. Um das aufzudecken, muss man eine Menge nachforschen, überprüfen, Quellen an­zapfen. Das braucht Zeit.“ Und Geld. Denn wer über Europa sprechen will, muss eine Menge verschiedener Sprachen abdecken. Für die Medienhäuser sind Übersetzer und Reisekostenabrechnungen jedoch „dead money“.

Erfolgreiches Beispiel

Wie mehrsprachige Berichterstattung gelingen kann, zeigt Café Babel. Das Online-Magazin wurde 2001 von einer Gruppe Erasmus-Studenten als euro­päisches Mitmach-Magazin für junge Leute ins Leben gerufen. 15 Jahre später gibt es ein Netzwerk von 1500 freiwilligen Autoren, Übersetzern, Fotografen und VJs, die in unterschiedlicher Häufigkeit über Europa berichten, und zwar mehrsprachig. Das sei der einzige Weg, um Menschen über Grenzen hinweg ansprechen zu können. Geld ließ sich damit lange Zeit nicht verdienen, inzwischen kann zu­mindest ein Dutzend fester Mitarbeiter bezahlt werden. Café Babel wird wesentlich von der Europäischen Kom­mission finanziert.

Mehrsprachig berichtet auch EURactiv, in zwölf Sprachen wird publiziert. Politico arbeitet hingegen ausschließlich in Englisch. Diese englische Hegemonie in der Europa-Berichterstattung wird nicht nur auf sprachlicher Ebene deutlich, sondern auch auf der Landkarte hinter den Publikationen. Ein Großteil der europäischen Medien kommt von der britischen Insel oder gar gleich vom amerikanischen Kontinent. The Guardian, der Economist, die BBC – die Flaggschiffe der EU-Berichterstattung sind angelsächsisch, mehr noch: Von den führenden 25 Nachrichtenportalen mit europäischem Fokus kommt kein einziges aus der EU. Stattdessen gibt es eine Liste der gescheiterten europäischen Medien, unter anderem: Presseurop, EuroparlTV, Europe Online. Angesichts dessen zögert so mancher Verleger, wenn es um Investitionen in einen europäischen Journalismus geht.

bildschirmHerausforderung Filterbubble

Gleichzeitig laufen die Publikationen Gefahr, dass sich ihre Berichterstattung auf Brüssel beschränkt und sie nur für die dortigen Entscheider, Lobbyisten und nationalen Journalisten berichten. Doch egal, wie angelsächsisch, fremdfinanziert oder elitär diese Projekte wirken mögen: Angesichts der langen Liste gescheiterter europäischer Medien und einer wachsenden Unions-Skepsis scheint es, als müsse man froh sein, dass überhaupt jemand über Europa berichtet.

Die Herausforderung, die Filterblase Brüssel zu überwinden, geht man bei Politico gar nicht erst ein. “Ja, unser Einfluss beschränkt sich momentan sehr auf Brüssel. Aber das Interesse für Europa ist sowieso immer national geprägt”, sagt Politico-Reporter Quentin Aries. EURactiv hingegen verfolgt die idealistische Vision einer europäischen Öffentlichkeit umso mehr: „Wir wollen Europa besser und fairer machen, indem wir den einzelnen europäischen Gesellschaften in Brüssel eine Stimme ge­ben und gleichzeitig die Türen zur EU für unsere Leser öffnen, für normale Bür­ger”, sagt Journalist Sarantis Michalopoulos.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Die Gründung von Politico sei ein laut­starker Weckruf für EURactiv gewesen. Und der hallt nach, wortwörtlich. Ein Stockwerk unter den beengten Redaktions­räumen wird momentan der neue Newsroom aus dem Boden ge­stampft. Keine Spur mehr vom vollgestopften Ryanair-Charme – stattdessen schlichtes Branding, schwarz, symmetrisch, schick, erwachsen. Der vollmundige Titel der neuen Strategie: „Metamorphosis“.  Vielleicht ja ein Vorbote für das, was der europäischen Öffentlichkeit noch bevorsteht.

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