Mehr als Sand und alte Steine

Desiree Therre

Auch die Tourismusbranche schwächelt in der Krise. Immer weniger Urlauber kommen nach Griechenland. Neue Strategien sollen helfen – und so mancher Tipp aus Deutschland wurde schon in die Tat umgesetzt.

Athens Tourismus-Industrie ist von der Krise geschüttelt. Allein im vergangenen Jahr haben in der Athener Innenstadt 18 Hotels geschlossen. Berichte von Straßenkämpfen, die Angst vor der Rückkehr der Drachme und  die steigende Kriminalität halten die Touristen davon ab, nach Griechenland zu reisen. Nach der Schifffahrt ist die Tourismusbranche der zweitstärkste Geschäftszweig des Landes. Innerhalb von drei Jahren – mit Beginn der Krise – ist sie schwer abgestürzt: Die Zahl der Touristen, der Umsatz und die Hotelbelegung gehen konstant nach unten. Nach Angaben der Hotelkammer von Athen und Attica ist das „beispiellos für Athen“. Innerhalb von vier Jahren ist die Hotelbelegung um 30,1 Prozent gesunken, der Umsatz sogar um 39,99 Prozent.

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Nur noch ein Schatten: 18 Hotels im Herzen Athens mussten im vergangenen Jahr schließen.

Nicht nur dem Hauptstadttourismus, der von den Bildern der Straßenkämpfe am Syntagma-Platz beeinflusst ist, geht es schlecht. Die Parlamentswahlen im Juni und die immer neuen Verhandlungen um weitere Finanzhilfen ließen die Hochsaison in diesem Jahr auf knapp vierzig Tage schrumpfen. Nach Angaben der Vereinigung der Tourismusagenturen Griechenlands dauerte sie 2012 von Juli bis Ende August. Trotz Preissenkungen zwischen 10 und 15 Prozent blieben die Touristen weg. Nach einem kurzen Sommer folgt nun ein langer Winter.

Eine Tourismus-Strategie fehlt

Was fehlt, ist eine Tourismus-Strategie für das Land, die nicht auf die Tourismus-Magneten Akropolis und azurblaues Wasser reduziert ist, wie Rainer Scheppelmann sagt. Er ist Vorsitzender der Leitstelle für Klimaschutz der Freien und Hansestadt Hamburg. „Inseln mit Südseestrand“, das sei das Griechenlandbild, was vermittelt werde. „Nach Santorini fahren die Leute sowieso. Hilfe brauchen die abgeschiedenen Regionen“. Es fehle allerdings an gemeinsamen Initiativen.

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Trotz Krisenstimmung: Über zwei Millionen Deutsche bereisten Griechenland im vergangenen Jahr.
Die Klassiker: Akropolis und Agora locken Urlauber in die Hauptstadt.

Rainer Scheppelmann fährt seit rund acht Jahren in den Ort Damouchari an der Ostküste Griechenlands in den Urlaub. Er hat  eine Internetseite für die Region entwickelt und schrieb rund 500 potentielle Gäste an. „Ein kleiner Mosaikstein in der griechischen Krise“. Es sei wichtig, zuerst den Ort zu bewerben, dann die Unterkunft. In Griechenland laufe es oft umgekehrt. Weintourismus im Norden des Landes und ausgearbeitete Wanderrouten beispielsweise könnten der Branche helfen, durch den Winter zu kommen. An Ideen fehlt es auch den Griechen nicht: Der Bürgermeister von Thessaloniki etwa plane, eine Fahrt auf den Spuren der Helden der griechischen Argonautensaga anzubieten und die Häfen von Thessaloniki, Volos und Istanbul zu verbinden, sagt Scheppelmann. Griechenland sei eben auch über die Sommer-Saison hinaus attraktiv. „Kreta hat es geschafft, das zu kommunizieren“, sagt Scheppelmann.

Judith Ktistakis sieht die Entwicklung Kretas nicht so positiv. Zusammen mit ihrem Mann Thanasis besitzt sie eine Autovermietung und Ferienwohnungen in dem Ort Kalamaki auf Kreta. „Im Winter wird zu wenig getan“, sagt die deutsche Auswandererin. Entweder es fehle die Fluganbindung oder sie sei zu teuer, sodass Familien eher nach Mallorca fahren. Mit der Mehrwertsteuer von 23 Prozent und der neuen Gemeindesteuer kommen für Hotelbesitzer weitere Abgaben hinzu. Im südlichen Kreta sei die Krise zwar zu spüren, weil sowohl Griechen als auch Deutsche weniger Geld ausgeben, sagt Judith Ktistakis. „Dennoch blüht diese Region seit Jahren auf“. Ktistakis selbst setzt auf Individualreisende und Agro-Tourismus – von der Olivenernte bis zur Herstellung des Traditionsschnapses Raki. „Viele werden Stammgäste –  für Generationen“, sagt Ktistakis. Doch selbst diese seien verunsichert, wegen der Schreckensmeldungen deutscher Medien. Wie ist es mit den Medikamenten? Was machen wir bei einem Streik? Wie wird das mit dem Euro? Dies seien die Fragen, die dann auftauchten. „Das drückt auf die Psyche – bei den Touristen und auch bei uns“, sagt sie. Judith Ktistakis hat gerade in diesen Zeiten der Krise den Eindruck, dass Dienstleistung und Gastfreundschaft noch wichtiger sind als zuvor. „Ich habe das Gefühl, die Griechen sind dieses Jahr noch freundlicher und aufmerksamer“, sagt sie. „Touristen kommen schließlich, um Elend und Alltag zu entrinnen“, fügt sie an.

Ein beliebtes Reiseziel

Griechenland zählt nach wie vor zu den beliebtesten Reisezielen deutscher Urlauber – hinter Spanien und der Türkei liegt es im Vergleich aller TUI-Flugreiseziele auf dem dritten Platz. Kreta als wichtigstes griechisches Ferienziel entwickelt sich über dem Durchschnitt, so die TUI-Pressereferentin Kathrin Spichala. Die Diskussionen um Finanzhilfen und Demonstrationen hätten jedoch auch auf deutscher Seite zu einem „schwachen Buchungsstart in der Sommersaison“ geführt, so Spichala. Vergünstigte Angebote konnten auf deutscher Seite helfen, die Buchungszahlen wieder in die Höhe zu treiben, ohne jedoch das Vorjahresniveau zu erreichen.

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Die Stadt mit den Augen eines Einheimischen erkunden, dies sei die beste Tourismusstrategie, sagt Andreas Litis. Der 23-Jährige Informatikstudent hat zusammen mit zwei Kommilitonen die Internetseite „Greece Insiders“ entwickelt. Die Studenten befragten dazu etwa 50 Personen. Rund 90 Prozent hielten Tipps der Ortskundigen für „sehr wichtig“. Auf der Internetseite können Leute aus ganz Griechenland ihre Angebote hochladen. Demnächst sollen Besucher direkt auf der Seite buchen. Bislang gibt es Angebote für vegetarisches Kochen, Klettertouren oder eine Stadtführung abseits der Touristenzentren. Auch die Organisationen „Open Tourism“ und „Breathtaking Athens“ setzen auf neue Konzepte oder zumindest auf einen Internetauftritt für die Stadt.

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Abseits der Touristen-Pfade: Stadtrundgänge mit Einheimischen.
Die Zeit läuft: Griechenland braucht eine neue Tourismus-Strategie.

Der Grieche Stylianos Pallis, Geschäftsführer des gleichnamigen Kulturreise-Anbieters aus München, setzt hingegen auf Bewährtes: Seit 1984 bietet er Bildungsreisen nach Griechenland an. Das Publikum habe sich in den letzten Jahren gewandelt, sagt Pallis. So seien vor drei Jahren noch alle gefahren, denen es egal war, ob das Reiseziel Griechenland oder Tunesien ist. Jetzt kämen Universitätsgruppen, Intellektuelle und solche, die Griechisch können. Griechenland sei vielleicht nicht mehr bei jenen Urlaubern beliebt, denen es egal sei, wo sie ihren Urlaub am Mittelmeer verbringen. Aber: „Jetzt kommen die Leute, die Griechenland lieben“.

 

Fotos: Désirée Therre/Katia Antoniadi

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