Ich trink Ouzo – Du trinkst Bier

Ioanna Fotiadi

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„Ich trink Ouzo, was trinkst du so?” Das ist kein Witz unter Jugendlichen, sondern ein Buch, das die Herzen vieler Deutscher getroffen hat. Autorin ist die Halbgriechin Stella Bettermann, die humorvoll und lebhaft ihre Kindheit zwischen den zwei Ländern darstellt. „Wie sehr sich Griechenland von unserem Zuhause unterschied, welch riesig Distanz zwischen den beiden Welten lag, wurde uns auch durch die dreitägige Autofahrt bewusst”, erzählt die 8-jährige Stellitsa, die ungeduldig die Ankunft in Piräus erwartete – genauso wie ihre Groβeltern.  „Opa und Oma hatten sich Stühle vor das Haus gestellt und sahen aus, als hätten sie das ganze Jahr über nur auf uns gewartet”.

Ein erweitertes Publikum

„Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, hatte ich im Kopf die zahllosen Deutschen, die jeden Sommer in Griechenland ihren Urlaub verbringen”, antwortet Bettermann ehrlich. „Zu dieser Zeit dachte ich, dass dieses Buch als ein Führer für das Verständnis der griechischen Kultur gelten könnte”. Viele Reaktionen haben ihre Erwartungen übertroffen. „Es hat mich so berührt! Es ist genauso, wie du es erzählst!”, schreiben zahllose Leser an Bettermann. Wahrscheinlich hat das Thema mehr Leute interessiert als gedacht. „Das Publikum war ganz breit. Ich bekomme Briefe sogar von Griechen der zweiten Generation, wie ich, und auch von ,richtigen’ Deutschen: die haben Verwandte in Griechenland oder haben in diesem Land gelebt, haben eine Jugendliebe erlebt oder sie sind insgesamt in das Land selbst ,verliebt’: das Meer, die Sonne und vor allem die Leute mit ihren Besonderheiten”. Nach Bettermann gibt es mehr davon.

Das „Krisenland” im Mittelpunkt

Das Buch erschien zu der Zeit, als Griechenland im Mittelpunkt der Aktualität stand – im negativen Sinne. „In 2010 ist Griechenland auf einmal die erste Nachricht bundesweit geworden”, erzählt Bettermann, die seit 20 Jahren als Journalistin arbeitet. Dank ihres Buches war Bettermann von den Medien nachgefragt, um ihre Meinung über das „Krisenland” zu äuβern. „Ich habe mehrmals Aussagen wiederholt, die den meisten Leuten unbekannt waren. Wie zum Beispiel, dass die Griechen nicht per se faul sind, sondern viele davon zwei oder drei Jobs haben, um ihre Familie zu ernähren. Ich habe versucht, diese Stereotypen abzubauen”. Bettermann meint, dass die Atmosphäre in Deutschland der griechischen Krise gegenüber mittlerweile verändert ist. „Heutzutage sind die Berichte realitätsnäher und das Bild des durchschnittlichen Griechen objektiver”, unterstreicht sie. Wegen ihrer griechischen Abstammung sollte sie sich als Journalistin mit Themen, die irgendwie mit der finanziellen Krise zu tun haben, beschäftigen. „Ich habe den Lebenszustand der Einwohner in Perama recherchiert und die Probleme in der Werft”, so Bettermann. „Ich habe selbst durch diese Mission viel gelernt, die ich bisher ignorierte, obwohl ich als Kind die Sommerferien einige Kilometer weiter, in Drapetsona, verbrachte”.

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Stella schreibt Stellitsas Abenteuer

Die Idee für das Buch scheint ihr in der richtigen Lebensphase gekommen zu sein. „Seitdem ich Mama geworden bin, hatte ich gröβeres Interesse, meine Identität und meine Wurzeln neu zu bestimmen”, sagt Bettermann, die drei- oder viermal pro Jahr nach Griechenland reist. „Als ich an meinem Schreibtisch am Computer saβ, hatte ich Angst davor, dass ich alles vergessen hatte. Aber zum Glück war es nicht so”. Genauso wie beim Radfahren: „Auf einmal ist alles aus mir rausgesprungen, jede Kleinigkeit, die ich als verloren betrachtete.” Das Schreiben hat fünf Monate gedauert. Am Ende war es wie eine Selbstentdeckung. „Viele Leute aus meiner Umgebung hatten keine Ahnung von meinem griechischen Teil”, so die Autorin, „ich habe einen deutschen Namen und Deutsch war immer meine Muttersprache”. Ihre Mutter, die heute 80 Jahre alt ist, hat das Buch auch gelesen. „Sie war sehr stolz auf mich, aber sie war nicht mit allen Einzelheiten einverstanden” so Bettermann. „Stella, Du solltest nicht unbedingt die Kakerlaken erwähnt haben!”, meinte die Mutter. „Was werden die Leute in Deutschland von den griechischen Hausfrauen halten?”

Im nächsten Buch von Bettermann „Ich mach’ Party mit Sirtaki – wie ich in Deutschland meine griechische Würzeln fand” wird die griechische Identität wieder thematisiert, aber umgekehrt. „Es basiert auf einem Erlebnis bei einem Tanzkurs”, erklärt die Autorin. „Alte Griechen haben mir traditionelles Tanzen beigebracht und ich habe durch ihre Augen ihre Heimat betrachtet: das Land in den 1970er Jahren bis hin zum Griechenland von heute”.

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Die Kinder der Gastarbeiter produzieren eine neue Literaturgattung

Die Bücher von Bettermann gehören einer Literaturgattung an, die seit fast zehn Jahren in Deutschland blüht. Es geht um autobiografische Werke, produziert von der zweiten Generation der Gastarbeiter. Künstler türkischer Abstammung haben diesen Trend gesetzt (die Motive finden sich auch in den Filmen von Fatih Akin), der von Italienern und Griechen fortgesetzt wurde. Eigentlich war Stella Bettermann fast die erste auf griechischer Seite, die darüber geredet hat. Trotzdem gilt die Familie Bettermann nicht als ein typischer Fall: Die Mutter kam nach Deutschland, um Opernsängerin zu werden, wird in die deutsche Gesellschaft integriert und spricht zu ihren Kindern auf Deutsch. „Trotzdem gab es bei uns auch familiäre Motive wie bei jedem Südeuropäer”, erwidert die Autorin. „Jeden Sommer fuhren wir tagelang mit dem Auto nach Griechenland, voller Geschenke für alle Mitglieder der Familie”, erinnert sie sich. Umgekehrt flogen die Omas und Opas aus dem Süden zu den Enkelkindern nach Deutschland. Einmal machte Bettermanns Oma Yiayia, die aus Kleinasien stammte, Folgendes: Als Stellas Mama ihrer Mutter eines Tages am Telefon vorjammerte, wie schlecht die Kindermädchen in Deutschland seien und wie schwer es wäre, jemanden wirklich nett zu finden, packte Yiayia ihren Koffer und reiste zu uns. Sie blieb zwei Jahre. „Zu dieser Zeit waren die Ausländer in Deutschland etwas Neues, das man immer noch neugierig beobachtete”, sagt Bettermann, „heute fühlt man sich ganz anders”. „Sie war eben ein wenig anders als die Mütter der anderen Kinder. Die Familie meines Vaters nannte meine Mutter hinter vorgehaltener Hand „die Schwarze” und die Nachbarn sammelten Unterschiften, um die Ausländerin zur Ausreise zu bewegen”, so Stellitsa im Buch.

„Solche autobiografischen Bücher sind bei den Lesern ganz beliebt”, so Bettermann. „Es gibt auch Bücher mit den Eindrücken von Deutschen, die ins Ausland ausgewandert sind oder gar nur in ein anderes Bundesland. Sie sprechen von ihren Anpassungsschwierigkeiten”. Bittersüße Erlebnisse miteinander zu teilen bedeutet auch, Traumata zu heilen, glaubt Stella Bettermann. „Wir brauchen eine leichtere Betrachtung unserer Unterschiede, um ein ausgeglichenes Zusammenleben in einer globalisierten Welt zu schaffen”.

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