„Harte Zeiten fördern die Kreativität” – Interview mit Alison Damianou

Antonios Souris

Athen ist mit mehr als vier Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste sowie flächengrößte Stadt Griechenlands. Genauso gigantisch ist die Anzahl der historischen und kulturellen Denkmäler, die jedes Jahr Touristen aus aller Welt in die Metropole locken: allen voran die Akropolis, das Wahrzeichen der Stadt, oder auch der weltberühmte Turm der Winde, das Panathinaiko-Stadion, in dem die ersten modernen Olympischen Spiele ausgetragen wurden, oder der Syntagma-Platz im Herzen Athens.

Dass sich Athen aber darüber hinaus zu einem Hotspot urbaner Kreativität entwickelt hat, ist im Ausland – auch in Deutschland – weitestgehend unbekannt. Im Schatten der Verschuldungskrise und ihren verheerenden sozialen, politischen und ökonomischen Folgen haben junge Unternehmer in den letzten Jahren vermehrt Projekte und Initiativen verwirklicht, die ökonomische Ziele mit kreativen, kulturellen und sozialen Ansprüchen verbinden.

Ein Projekt, das in diesem Zusammenhang heraussticht, ist der Meet Market: ein zweitägiger Flohmarkt, der lokalen Unternehmern einmal im Monat an verschiedenen Orten in Athen eine Plattform bietet, handgemachte und selbst entworfene Kleidungsstücke und Accessoires, Kunst, aber auch organische Kosmetika, Heimartikel, Essenskreationen und Sammlerstücke zu verkaufen. Im Oktober 2013 fand der Meet Market in Technopolis im Athener Stadtbezirk Gazi statt – dieses Mal mit über 120 Ständen. Alison Damianou, Kreativdirektorin und Produktionsmanagerin des Meet Market, gab dialoggers ein Interview.

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Alison Damianou ist Kreativdirektorin und Produktionsmanagerin des Meet Market.

 

dialoggers: Was ist das Konzept des Meet Market und warum unterscheidet sich dieser von anderen Flohmärkten?

Alison: Der Meet Market ist ein monatlich stattfindender, mobiler Flohmarkt, dessen Ziel es ist, als Plattform für lokale Unternehmer Kreativität in Griechenland zu fördern und bekannt zu machen. Einmal im Monat treffen wir uns für ein Wochenende an verschiedenen Orten und Plätzen in Athen mit Designern, Künstlern, DJs und unabhängigen Produzenten, um eine Art Flohmarkt-Party zu veranstalten. Wir möchten den Besuchern damit nicht nur die vielen kreativen Initiativen, die derzeit in Griechenland realisiert werden, sondern auch all die wunderschönen Orte in und um Athen präsentieren. Meiner Meinung nach unterscheidet sich der Meet Market von anderen Flohmärkten in Griechenland in vielerlei Hinsicht. Allen voran geht es beim Meet Market um das „Jetzt“ – also um die Frage, was „in“ und zeitgemäß ist, gerade im Bereich der Kleinunternehmen. Außerdem zieht der Meet Market durch seinen offenen und freundlichen Charakter viele unterschiedliche Besuchergruppen an: Frauen und Männer, Jung und Alt – von Familien mit Kindern über Großeltern bis hin zu Studenten und Mittdreißigern. Darüber hinaus ist der Meet Market sehr gut organisiert und erfüllt die europäischen Standards für Flohmärkte. Nicht zuletzt veranstalten wir außerdem jedes Mal eine Lotterie, bei der wir CDs und Pins verlosen. Der Hauptgewinn besteht aus einem Korb, der Verschiedenes von jedem Stand enthält. Alles in allem versuchen wir einfach eine interaktive und positive Stimmung zu erzeugen.

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Selbst entworfene Kleidung auf dem Meet Market

 

dialoggers: Wodurch zeichnet sich urbane Kreativität in Griechenland aus?

Alison: Tatsächlich ist es sehr interessant, gerade jetzt in Griechenland zu leben. In gewisser Hinsicht ist das Land ein Mikrokosmos, eine Art Metapher für all die globalen Probleme und die politischen, ökonomischen und soziale Umbrüche auf der ganzen Welt, die wir derzeit erleben. Es sind harte Zeiten, die aber auch die Kreativität fördern. Die urbane Kreativität in Griechenland sucht in diesem Zusammenhang vor allem nach Wegen, um zu überleben, sich auszudrücken und nicht zuletzt die Gemeinschaft und den Zusammenhalt zu stärken.

dialoggers: Wie lange existiert der Meet Market bereits? Welche Schwierigkeiten hattet Ihr, als Ihr das Projekt realisieren wolltet?

Alison: Den ersten Meet Market haben wir im Dezember 2007 veranstaltet – damals mit 25 Ständen. Seitdem hat der Meet Market über 52 Mal an 18 verschiedenen Orten stattgefunden. Insgesamt haben über 250 Verkäufer auf dem Meet Market ihre Produkte ausgestellt und verkauft. Zunächst hatten wir hauptsächlich Schwierigkeiten, die bürokratischen Hürden zu überwinden und mussten erst einmal alle Lizenzen einholen und die notwendigen Auflagen erfüllen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! Wir wussten von Anfang an, wie wir uns den Meet Market vorstellen. Dennoch war es natürlich schwierig, unsere Vision in die Realität umzusetzen. Aber im Laufe der Zeit haben wir uns in einem organischen Prozess stetig weiterentwickelt und versuchen auch weiterhin, den Meet Market jedes Mal ein bisschen besser und interessanter zu machen.

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Im Oktober 2013 fand der Meet Market im Athener Stadtteil Gazi statt – mit über 120 Ständen.

 

dialoggers: Warum findet der Meet Market jeden Monat an unterschiedlichen Orten statt?

Alison: Das hat verschiedene Gründe. Allem voran möchten wir den Besuchern verschiedene interessante und wunderschöne Orte in und um Athen zeigen. Zweitens möchten wir innovativ bleiben und uns nicht ständig wiederholen. Durch die Mobilität bewahren wir die Dynamik des Meet Market und es gibt für die Besucher immer etwas Neues zu entdecken. Außerdem hat es auch praktische Gründe, da die Mobilität unsere Fixkosten senkt. Der Meet Market ist so schnell gewachsen, dass ein fester Veranstaltungsort mit hohen Kosten verbunden wäre. Unsere Kosten können wir also durch die Mobilität einfacher unter Kontrolle halten.

dialoggers: Der Meet Market ist eine Plattform für lokale Unternehmer? Warum genau profitieren diese davon, ihre Produkte auf dem Flohmarkt zu verkaufen?

Alison: Unternehmer profitieren von der Vielzahl unterschiedlicher Zielgruppen, die den Meet Market besuchen – alle Altersgruppen, Styles und Menschen, die derzeit in Athen leben! Außerdem wird durch die positive Atmosphäre das Verkaufsargument verdoppelt. Nicht zuletzt ist der Meet Market aber auch eine Ausstellungsplattform – eine riesige Ansammlung von Unternehmern, die ihre Kreativität unter einem Dach vereinen!

dialoggers: Was magst Du am meisten an Deinem Job?

Alison: Das beste an meinem Job ist, dass ich an das glaube, was ich tue – mein Job hat einen tieferen Sinn und eine soziale Komponente. Ich denke gerne daran, dass der Meet Market viele Menschen unterstützt, indem er ihnen einmal im Monat eine kreativen Ausweg aus dem Alltag anbietet. Für Viele ist der Meet Market inzwischen aber auch die Grundlage ihres monatlichen Einkommens. Außerdem fördert der Meet Market ein positives Gemeinschaftsgefühl. Gerade im Hinblick auf die derzeitige Situation in Athen ist es wichtig, dass die Menschen sich verbunden und in gewisser Form auch vereint fühlen, und nicht einsam und isoliert. Außerdem liebe ich es, dass ich für mich selbst arbeite, mein eigener Chef bin und an der Realisierung meiner persönlichen Vision arbeite. Es ist für mich ein Traum, der wahr geworden ist.

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