Griechische Tanzstunden

Christina Heuschen

In Berlin leben viele Künstler aus Griechenland. Sie wollen Vermittler zwischen den Kulturen sein, stehen dabei aber vor einigen Herausforderungen. Sind die Künstler die neuen Gastarbeiter?

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Telemachos – Should I Stay Or Should I Go? © Ballhaus Naunynstraße

Gekommen, um zu bleiben: Als Lefteris Veniadis vor acht Jahren nach Berlin kam, um an der Universität der Künste Komposition zu studieren, merkte er schnell: Diese Stadt will er nicht so schnell wieder verlassen. Gerade die Berliner Kulturszene bietet ihm viele Chancen, sein musisches Talent auszuleben. „Konzerte mit Deutschen, Griechen und anderen Europäern: Ich möchte dieses Potenzial nutzen.“ Heute arbeitet Veniadis in mehreren multikulturellen Musikprojekten. Der Komponist und Schauspieler hat zum Beispiel Gedichte des griechischen Lyrikers Fotis Angoules vertont, die dann von Mitgliedern des E.T.A.-Hoffmann-Kammerorchesters und dem Kissi-Chor mit der Sopranistin Fanny Rennert aufgeführt wurden. „Für mich war es sehr schön, nicht nur die Bedeutung der Gedichte zu hören, sondern auch den Klang der griechischen Sprache mit einer deutschen Aussprache“, erzählt Veniadis begeistert.

Auch Stella Zannou verbindet die Nationen. Sie ist 2009 mit ihrem Ehemann nach Berlin gezogen – weil sie es in Griechenland nicht mehr ausgehalten hat. Nach mehreren Jobabsagen dort wollte sie neu starten. „Das ist eine gute Chance, in einer anderen Stadt zu leben“, dachte sich die Griechin. Heute tanzt sie, gibt Unterricht und choreografiert. In ihren Tanzstunden verwendet sie Lieder griechischer Musiker. Thanasis Papakonstantinou und Giannis Aggelakas sind ihre Favoriten. „Ich liebe es, griechische Musik zu nutzen. Und ich liebe es, dass meine Schüler es mögen. Am Ende einer Tanzstunde fragen sie mich nach den Namen des Sängers. Das macht mich sehr glücklich,“ so Zannou.

Die Kuratorin Claudia Lamase trifft häufig auf diesen künstlerischen Bezug zu Griechenland. Ob in der Musik, beim Tanz oder im Theater – viele griechische Künstler präsentieren in ihrer Arbeit in Deutschland die heimische Kultur und entlarven dabei so manches Klischee. Sie sind Kulturvermittler. Dabei geht es für sie auch immer um die Frage nach der eigenen Rolle als Künstler zwischen Deutschland und Griechenland: „Es ist eine Reflexion über die Heimat, vielleicht auch über die Rolle innerhalb von Europa“, erklärt Lamase.

So auch bei Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris. In der deutsch-griechischen Theaterproduktion „Telemachos – Should I stay or should I go“ erzählt das Regieduo die Lebensgeschichten griechischer Emigranten. Das dokumentarische Theaterprojekt verknüpft diese Geschichten mit den Irrfahrten und Abenteuern des Odysseus. Ehemalige Gastarbeiter reflektieren ihr Leben zwischen Griechenland und Deutschland. In der Krise werden sie von jungen Leuten um Rat gebeten: Soll ich mein Land verlassen? „Das sind menschliche Geschichten. In Griechenland gibt es sehr viele Kollisionen. Das ist ein Thema fürs Theater“, sagt Azas.

Waren es früher vor allem Gastarbeiter in Fabriken, so sind es heute viele griechische Künstler, die nach Deutschland auswandern. Denn die Kultursubventionen in Griechenland wurden stark gekürzt. Viele Orte der Kultur wurden bereits geschlossen. Andere kämpfen um ihr Überleben. Gibt es einen Ausweg? Für Anestis Azas sind Ko-Produktionen aus dem Ausland eine mögliche Lösung: „In Griechenland gibt es eine Notwendigkeit dafür. Es ist wichtig, in Athen Theater zu machen.“ Das Theaterstück „Telemachos“ ist so eine Produktion. Nach der Aufführung im Berliner Theater „Ballhaus Naunynstraße“ wird das Stück derzeit in Athen aufgeführt. Die Regisseure sind sehr gespannt auf die Reaktion der Griechen. Aber sie haben Grund zum Optimismus: In Berlin gab es ein großes Echo.

Überhaupt, Berlin: Die Stadt polarisiert. Einerseits ist sie bei griechischen Kulturschaffenden beliebt, weil sie im Verhältnis zu anderen europäischen Städten immer noch so günstig ist – und weil es ein großes Publikum gibt. Für fast alles. Andererseits gibt es deshalb auch so viele Schauspieler, Sänger, Designer, Tänzer, Schriftsteller. Das macht die Arbeit für ausländische Künstler schwierig. Wie macht man Kunst, wenn alle traditionellen, lukrativen und beliebten Orte längst besetzt sind? Man improvisiert. Und so werden einfache, aber auch skurrile Orte der Stadt zur Bühne: alte Fabriken, die Straße, Wohnungen oder ein Krematorium. So entwickeln sich neue Formen. Das wirkt innovativ. Meist jedoch ist es aus der Not heraus geboren – In wird es erst später. Vielleicht eine Metapher für die zukünftige Entwicklung von Griechenland?

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