Europa: In der Kneipe präsenter als am Kiosk

Auf der Suche nach einer echten europäischen Öffentlichkeit!

Von Felix Franz

Ein Großteil der europäischen Geschichte wird von Amerikanern und Briten geschrieben. Nicht eine einzige der weltweit führenden 25 Medienorganisationen kommt aus Kontinentaleuropa. Und das in Zeiten, in denen der politische und mediale Diskurs in den USA und im Vereinten Königreich von Slogans wie ‘Make America Great Again’ und ‘Britain First’ geprägt wird. Unsere einflussreichsten Geschichtsschreiber wollen sich wieder mehr mit sich selbst beschäftigen. Wer füllt dann diese Lücke?

Europäische Medien erreichen derzeit nur ohnehin Informierte  

EurActiv und Politico sind die bekanntesten Print- und Onlinemedien, die sich explizit als „europäisch“ verstehen. Theoretisch ist ihre Zielgruppe die Gesamtbevölkerung der Europäischen Union. Die führenden nationalen Medien in jedem EU-Land wecken jedoch mehr Interesse. Zum Vergleich: Die Print-Zeitung „Luxemburg Wort“ hat ingesamt 70.000 Follower auf Facebook. EurActiv und Politico bringen es gemeinsam auf knapp 90.000 Facebook-Fans. Dieser Vergleich wird besonders bitter, wenn man ausrechnet, dass die EU insgesamt eintausend Mal so viele Bürger hat wie der kleinste EU-Staat.

Immerhin schreibt Politico seit dem Launch vor zwei Jahren gute wirtschaftliche Zahlen und ist mit einem Misch-Geschäftsmodell von Werbung und bezahlten Newslettern bereits recht erfolgreich. Die Reichweite des Politikmagazins beschränkt sich jedoch auf Teile der europäischen Bevölkerung, die ohnehin bereits über europäische Themen informiert sind.

Geld verdienen ist schwierig, aber nicht unmöglich

Die Gründe für das Fehlen eines europäischen Mediums mit großer Reichweite sind simpler als man denkt. Hauptfaktor ist wohl die starke Fragmentierung des europäischen Werbemarkts. Kaum ein Werber ist bereit, paneuropäische Kampagnen zu buchen. Gepaart mit der weltweiten Ratlosigkeit, wie man seit der Emanzipierung der Umsonst-Kultur im Internet in der Medienbranche noch Geld verdienen kann, ist es verständlich, dass kaum Investoren bereit sind, in neue Medienangebote zu investieren. Der wirtschaftliche Erfolg von Politico zeigt jedoch, dass es durchaus möglich ist, mit europäischen Nachrichten Geld zu verdienen.

Der Markt ist groß genug – if you choose the right language

Natürlich spielt die Sprachbarriere ebenfalls eine Rolle, jedoch eine weitaus kleinere, als man zunächst annimmt. “Mehr als 50 Prozent der Europäer sind in der Lage, eine Unterhaltung auf Englisch zu führen. Wer innerhalb dieses Markts an seine Grenzen stößt, hat ein Luxusproblem”, sagte Wolfgang Blau vom Guardian bereits 2014. Zudem ist die Technik innerhalb der letzten Jahre weit voran geschritten. Die Google-Translate-Übersetzungen sind bei den wichtigsten Sprachen bereits flüssig zu lesen. Selbstlernende Algorithmen werden das Sprachproblem in schriftlichen Texten in nicht allzu ferner Zukunft wahrscheinlich vollkommen automatisiert bewerkstelligen können.

Ganz Europa schaut Game of Thrones und echauffiert sich über Trump

Auch kulturelle Hindernisse bestehen in Zeiten von Netflix und Facebook kaum noch, zumindest bei den unter 35-Jährigen. Karolina Wozniak managet die Social-Media-Kanäle des EU-Parlaments. Sie sieht immer wieder, dass vor allem junge Europäer über Nationalstaaten hinweg denken. “Sie schauen die gleichen Serien wie alle anderen auf der Welt und sie haben häufig ähnliche Probleme wie andere Leute in ihrem Alter, egal aus welchem Land sie kommen.” Sie sehe sogar bei den sehr Jungen häufig Interesse an politischen Themen. Man müsse nur das richtige Thema und den passenden Kanal auswählen. Nach dem Brexit-Referendum hätte ihr Team zum Beispiel unzählige Nachrichten auf Snapchat mit weinenden Emoticons geschickt bekommen.

Facebook, Twitter und Snapchat sind zwar ebenfalls amerikanische Unternehmen, der Inhalt auf den Plattformen kommt jedoch in beachtlichem Maße auch von den Usern. Diskussion über europäische Themen werden hier bereits von Europäern geführt.

Auch außerhalb des Internets finde vermehrt eine Diskussion über europäische Themen statt, sagt Margaritis Schinas, Leitender Pressesprecher der Europäischen Kommission. “Es gibt immer mehr Themen, die sowohl in einem Café in Thessaloniki, als auch in einer Hamburger Kneipe besprochen werden.” Ein fehlendes Interesse an europäischen Themen scheint es also nicht zu geben.

Keine gemeinsamen Informationen = keine Legitimität

In einer Demokratie müssen sich die Bürger über gemeinsame Belange und Interessen austauschen können. Medien spielen dabei eine Schlüsselrolle. Indem wir die Tageszeitung aufschlagen oder durch unseren Facebook-Feed scrollen, haben wir die Möglichkeit, uns zu informieren. Durch Leserbriefe oder Social Media Posts werden wir Teil der aktiven politischen Öffentlichkeit.

Wenn dann aber gemeinsame europäische Medien fehlen, führt das zu zahlreichen Problemen. Der griechische Politikwissenschaftler Manos Papazoglou von der Universität der Peloponnes beschreibt im Interview, dass eine fragmentierte Debatte über gesamt-europäische Themen wie Migration zu einem Legitimitätsproblem der EU führt. Politische Entscheidungen bräuchten breite Unterstützung aus der Bevölkerung, um Erfolg zu haben. Ohne Zugang zu den gleichen Informationen sei das schwierig.

Christian Hügel, Sprecher des EVP-Fraktionsvorsitzenden Manfred Weber im EU-Parlament, ergänzt, es sei immer wieder eine große Herausforderung, gesamteuropäische Debatten ohne paneuropäische Medien anzustoßen. “Für uns Politiker ist es schwierig, denn wir müssen immer mit 28 unterschiedlichen Medienlandschaften kommunizieren.”

Nationale Interessen verdrängen häufig gemeinsame Interessen

Die aktuelle Situation führt auch dazu, dass gemeinsame Interessen leicht übersehen werden. Nationale Medien betrachten und analysieren Vor- und Nachteile von politischen Entscheidungen hauptsächlich aus der Sicht ihrer Bevölkerung. Bei großen Themen wie Umwelt oder Migration, die nur gemeinsam gelöst werden können, kann das schnell dazu führen, dass konstruktive Lösungsansätze hinter nationale Interessen zurück treten. Was das auf lange Sicht bedeutet, kann man an Voraussagen für die Entwicklung des Klimawandels ablesen.

Wenn es nicht gelingt, eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit zu etablieren, sieht Philippe Lamberts, ein Grüner im EU-Parlament, schwarz für die EU-Vertiefung. „Dann werden sich die europäischen Länder weiter in Richtung ihrer nationalen Grenzen bewegen.“

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