Die Völkerverständiger

Diogenes Dimitrakopoulos & Marcus Pfeiffer

Seit dem Ausbruch der Euro-Krise verzerren Klischees das gegenseitige Bild von Deutschen und Griechen. Doch es gibt auch Korrespondenten in beiden Ländern, die ehrliche Geschichten aus ihrem Gastland erzählen wollen und sich bewusst vom Boulevard-Niveau abheben.

Kein Medium hat in der Krise mit einem Bild so provoziert, wie der Focus: Im Februar 2010 prangt die berühmte Aphrodite von Melos auf dem Cover des deutschen Nachrichtenmagazins und zeigt beherzt den Stinkefinger. „Die Betrüger in der Euro-Falle“, lautet der Titel daneben. Doch dies ist nur eines von vielen Klischees, wie man sie seit dem Ausbruch der Finanzkrise in deutschen Medien lesen kann. Regelmäßig bemüht die Bild-Zeitung das Vorurteil des arbeitsscheuen europäischen Südländers und bezeichnet die Einwohner Griechenlands als „Pleite-Griechen“, die sich durch „Klüngel, Korruption und Familienbande“ (April 2010) selbst an den Rand des Staatsbankrotts getrieben haben. Die griechischen Medien kontern und greifen zum Nazi-Vergleich. Die rechte Tageszeitung „Demokratia“ zeigt die deutsche Bundeskanzlerin in Nazi-Uniform mit Hakenkreuz-Armbinde. Ein Privatsender beginnt seine tägliche Talkshow mit Wehrmachtsmusik und  Aufmärschen aus dem Dritten Reich. Das Magazin „Epikaira“ fand in einer Umfrage heraus, dass jeder dritte Grieche mit Deutschland Begriffe wie „Hitler“, „Nazis“ und „Drittes Reich“ verbindet.

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Medienberichte haben das deutsch-griechische Verhältnis beschädigt

„Das deutsch-griechische Verhältnis ist schwer beschädigt, und daran sind nicht nur die Politiker, sondern vor allem die Medien schuld“, sagt Georgios Pappas. Seit 1987 arbeitet er in Deutschland als Korrespondent für das griechische Nationalfernsehen und die Zeitung „TA NEA“. „Die Berichterstattung von Focus und Bild empfinde ich als sehr enttäuschend. Bestimmte Medien nutzen veraltete Stereotype, um Politik zu spielen und damit ihre Auflage zu steigern. Das ist Populismus, für den die Bild-Zeitung sogar noch Herbert-Quandt-Medien-Preis gewonnen hat.“ Gleiches gelte für die Nazi-Vergleiche griechischer Medien. „Mich beunruhigt, dass renommierte Journalisten von Zeitungen jenseits des rechten Randes in ihren Kommentaren vom ‚Vierten Reich‘ und ‚Deutschen Besatzern‘ schreiben.“

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Eine ähnliche Position nimmt auch Julia Amalia Heyer ein. Die 32-jähige Deutsche aus Aalen ist seit einem Jahr Korrespondentin des deutschen Nachrichtenmagazins „SPIEGEL“ in Athen. „Schuldzuweisungen und populistische Kommentare gibt es in den Medien auf beiden Seiten. Mich nerven diese Kommentare. Manche Journalisten und Politiker tun so, als hätten sie alles verstanden. Ich denke, dass die Situation kompliziert ist. Man kann sich nicht einfach so schnell ein Urteil erlauben.“

Lange Zeit wurde Griechenland viel positiver beurteilt. Einige Jahre vor der Krise deutete nichts auf ein Ende des griechischen Aufwärtstrends hin: die Aufnahme in die Europäische Union, dann die Euro-Einführung und die Ausrichtung der Olympischen Spiele. Viele deutsche Korrespondenten deckten das Berichtsgebiet Griechenland aus der Ferne ab. Nur wenige Korrespondenten waren in dieser Zeit vor Ort. Eine von ihnen ist Corinna Jessen. Sie ist Produzentin für das ZDF und Korrespondentin für mehrere Lokalzeitungen. Jessen ist in Athen geboren und aufgewachsen, hat 1975 an der Deutschen Schule ihr Abitur gemacht und danach in Deutschland studiert. Sie sagt, mit der Krise sei alles anders geworden.

Mit der Krise kommen die Korrespondenten zurück

„Nach der Euphorie kam sehr plötzlich die böse Überraschung: der freie Fall ins Schuldenloch“, erläutert Jessen. „Das hat nicht nur die finanzielle und wirtschaftliche Lebensgrundlage der Menschen verändert, sondern auch Diskussionen über den Aufbau der Gesellschaft und den Umgang miteinander entfacht.“ In den 1980er Jahren sei man ohne Übergangszeit zu einer manchmal unreflektierten Konsumgesellschaft übergegangen. Jetzt werde wieder über Werte nachgedacht.

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Mit der Krise und ihren ungelösten Fragen kommen auch die Korrespondenten wieder nach Athen. Nicht nur der SPIEGEL, sondern auch die großen deutschen Tageszeitungen wie die FAZ und SZ arbeiten häufiger mit eigenen Korrespondenten vor Ort. Für den ARD-Korrespondenten Peter Dalheimer wird die Arbeit in Athen sogar zum familiären Problem. „Meine Familie lebt in Rom. Ich sehe sie einfach viel zu selten. Das ist das Hauptproblem. In den letzten drei Jahren habe ich mehr Zeit in Athen verbracht als in Rom.“ Aber Dalheimer will sich nicht beschweren. Denn das griechische Volk begegnet ihm immer wieder mit großer Sympathie. Wie zum Beispiel, als er an einem heißen Tag ein Telefoninterview mit einem deutschen Radiosender führte. „Ich habe mich ohne zu fragen auf den Stuhl eines Reisebüros gesetzt. Und ebenfalls ohne zu fragen hat mir die Frau aus dem Reisebüro eine Flasche Wasser gereicht.“

Der Kampf für Berichterstattung ohne Realitätsverzerrungen

Aber die Heimatredaktionen suchen andere Geschichten. „Es gibt eine gewisse Gier nach erschütternden Bildern“, sagt Dalheimer. Viele Demonstrationen verliefen friedlich. Aber wenn auch nur ein Molotow-Cocktail geworfen werde, habe er immer wieder Auseinandersetzungen mit den Kollegen der Tagesschau. „Sie wollen, dass ich die Bilder von der Explosion am Beginn des Beitrages zeige. Aber genau das verzerrt die Realität. Deswegen packe ich die Bilder an das Beitragsende und sage, dass es am Rande der Demonstration zu gewalttätigen Ausschreitungen kam.“

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In Deutschland hat man noch immer kein Bild davon, wie es den Menschen in Griechenland eigentlich geht. Es gibt große humanitäre Probleme, so Corinna Jessen. Die Bilder von Suppenküchen und Demonstrationen seien zwar bekannt. Aber nicht die von Menschen, die nicht überleben können. Es gehe ums Essen, ums Schlafen und die Gesundheitsversorgung. Die Deutschen wissen nicht, dass sich die Griechen ihr Leben kaum noch leisen können.

Gerade erst hat Peter Dalheimer eine betroffenen Familie mit Kind porträtiert: Beide Eltern sind arbeitslos. Sie haben kein Geld – weder für die Miete, noch für den Einkauf. Mittags essen sie in der Armenküche. Der Familienvater weiß keinen Ausweg mehr und sagt, dass man irgendwann von ihm in der Zeitung liest. „Das ist zwar nicht das erste Mal, dass mir jemand von seinen Selbstmordplänen erzählt. Aber es erschüttert mich jedes Mal“, sagt der ARD-Korrespondent.

Auch die griechischen Journalisten in Deutschland beobachten die Lage in ihrem Heimatland mit Sorge. „Die Entwicklung in Griechenland ist alarmierend“, sagt Georgios Pappas. Abgesehen von den politischen und wirtschaftlichen Dimensionen bestehe die Gefahr eines internen Zusammenbruchs des Staates, vor allem auf der sozialen Ebene. „Ich fürchte, dass der Eintritt der faschistischen Partei in das griechische Parlament mehr als ein Alarmzeichen ist.“

Griechische Journalisten liefern Erklärungen für das deutsche Verhalten

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„Die Situation ist sehr schwierig“, sagt auch Stamatis Assimenios. Er ist Journalist in der griechischen Redaktion der Deutschen Welle in Bonn und arbeitet von dort aus für den privaten griechischen Fernsehsender „Skai“. „Griechenland versucht mit allen Kräften, die Krise zu überwinden und den Staatsbankrott zu vermeiden.“ Allerdings litten die Griechen unter den Vorgaben der Troika. Zum Überleben Griechenland die Hilfe der anderen Mitgliedsstaaten. Dazu bedürfe es einer kontinuierlichen und effektiven Kommunikation mit dem griechischen Volk.

Als Journalist bei der Deutschen Welle leistet Assimenios seinen Beitrag dazu. Auch wenn der Sender aus Deutschland kommt, fühlt er sich in der Berichterstattung nicht eingeengt. Wenn ein deutscher Politiker den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone fordert, erklärt er dem griechischen Publikum die Motive dafür.

Seinem Kollegen Pappas fällt diese Distanz schwerer. „Für mich als Korrespondent ist es schwierig, die Nachrichten losgelöst von meinem Arbeitsland zu präsentieren. Die Kollegen und das Publikum setzen mich mit dem Land gleich, in dem ich arbeite. Meine Rolle ist es primär, die Nachrichten mitzuteilen und erst sekundär die Analyse. Ich werde missverstanden und bin gebrandmarkt. Wenn ich in Deutschland bin, sage ich, was Merkel sagt.“

Pappas hat schon intensiv über das deutsch-griechische Verhältnis im 20. Jahrhundert berichtet und stellt fest: „Die Beziehungen wurden immer wieder durch aufkommende Klischees belastet. Trotzdem ist das Band nie ganz zerschnitten worden.“ Dazu hätten auch Journalisten beigetragen. „Auch wenn es jetzt gerade viele Probleme gibt, bin ich optimistisch, dass wir wieder gute Beziehungen herstellen. Aber dafür braucht es etwas Zeit.“

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