Das eigene Ding starten – mitten in der Krise

Katja Koellen

Einige junge Griechen wollen nicht länger auf einen Job warten oder gar auswandern. Sie sehen in der Krise die perfekte Chance, um ein Abenteuer zu starten: mit einem eigenen Unternehmen.

„Als wir vor dem Bankdirektor standen – drei junge Typen – und wir unser Firmenkonto eröffnen wollten, hat er uns vollkommen entsetzt angesehen. Als ob wir einen Kredit über 1 Million wollen würden“, sagt Fanis Koutouvelis und lacht. Zweieinhalb Jahre ist es jetzt her, dass er und seine beiden Mitgründer in Athen das Start-Up iKiosk gründeten. Jetzt sitzt er in seinem Büro in einer kleinen, aber hübschen Einkaufsstraße in Vrilissia, einem nördlichen Stadtteil Athens, und ist umgeben von modernen Ikea-Möbeln, kreativ aufgemalten Business-Plänen und iKiosk-Emblemen.

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Fanis Koutouvelis ist mit seinem Start-Up iKiosk erfolgreich: Seit dem ersten Jahr schreibt es schwarze Zahlen.

Ohne jegliche Fundings, also finanzielle Unterstützung von außen, starteten die Studenten mit einer Idee. Sie wollten die griechische Art, einen Kiosk oder einen Minimarkt zu führen, verbessern. Mit einem einfachen Kassensystem, das alle Eingänge und Verkäufe registriert und mit der passenden Software auch die Buchhaltung deutlich einfacher machen soll. Computerkenntnisse seien dafür nicht notwendig, wirbt iKiosk auf seiner Webseite.

Doch wie kommt man darauf, mitten in der größten finanziellen Krise in der Geschichte des Landes ein eigenes Unternehmen zu gründen? Fanis brach sogar gemeinsam mit seinem Studienfreund das Studium ein Jahr vor dem Abschluss ab – sie hatten Computer-Ingenieurwissenschaften studiert. Ob er damit zum Beispiel im Ausland eine bessere Karriere hätte machen können, darüber habe er sich überhaupt keine Gedanken gemacht, sagt Fanis. Der 26-Jährige wollte es mit seinem eigenen Projekt versuchen.

Der richtige Zeitpunkt

„Es ist eben der perfekte Moment für ein solches Abenteuer, weil du einfach nicht auf einen Job warten kannst“, sagt Fanis. Er lehnt sich auf seinem Stuhl gemütlich zurück und blickt durch die beschriftete Glasscheibe in den Nebenraum, in dem seine Mitarbeiter brainstormen. „Mein Projekt hat mir die Chance gegeben, mein ganz eigenes Ding zu machen. Und ich liebe das.“

In Griechenland derzeit ein Start-Up zu gründen, ist für ihn kein Widerspruch – im Gegenteil. Er bezeichnet es als eine Art Beta-Test: „Wer eine gute Idee hat, kann sie in einem kleinen Netzwerk verwirklichen und ausprobieren, ob sie funktioniert.“ Und wer es dann in Griechenland schafft, schaffe es überall, so Fanis.

Zuhause bekam der Computerexperte Rückhalt. Seine Eltern haben ihn voll unterstützt, als er ihnen seine Pläne erzählte: „Sie konnten mich zwar finanziell nicht unterstützen, aber sie haben mir Mut gemacht.“

Lediglich mit eigenen Rücklagen – ein paar tausend Euro von den Sparbüchern der drei Studenten – wurde das Business im April 2010 offiziell angemeldet. Zu diesem Zeitpunkt war nicht nur die Software schon vollständig entwickelt und getestet, sondern die Webseite schon einige Monate online.

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Im ganzen Büro von iKiosk hängen Businesspläne, Grafiken und andere Brainstorming-Ergebnisse.

Das System nennt sich schlichtweg „Store Management Software“. „Damit helfen wir den Ladenbesitzern effizienter zu werden“, so Fanis. Die Software hat dabei nicht nur Vorteile für griechische Ladenbesitzer, sondern auch für Marktforscher. Da alle Verkäufe genau verzeichnet werden und in die iKiosk-Datenbank einfließen, kann Fanis mit seinem Team auch Verkaufsdatenanalysen erstellen. Damit bietet das Start-Up erstmals in Griechenland Daten dieser kleinen Märkte und Buden, die zwar in Griechenland sehr zahlreich sind, aber eben analytisch bisher nirgendwo erfasst werden.

Das griechische Kiosk-Chaos beseitigen

Große Firmen investierten dafür bislang viel Zeit: Sie schickten etwa 50 Mitarbeiter auf Reisen, um rund 1.000 Läden zu besuchen. Dort wurden dann die verkauften Waren gezählt und aus den Zahlen eine Hochrechnung gemacht. Das System von iKiosk funktioniert derweil über das Internet – und liefert ganz konkrete Ergebnisse.

„Unglaublich viele Minimärkte und Kiosks sind extrem unorganisiert“, sagt Fanis. Der Markt  ist groß: In Griechenland gibt es mehr als 30.000 potentielle Kunden, die 5,5 Prozent des griechischen Bruttoinlandprodukts umsetzen. Und die Idee von iKiosk scheint zu funktionieren: Das kleine Softwareunternehmen, in dem die drei Gründer und drei Mitarbeiter beschäftigt sind, ist seit dem ersten Jahr profitabel.

Derzeit sind 150 Kassensysteme des iKiosks in ganz Griechenland im Einsatz. In Werbung investiert das Start-Up kaum – die Interessenten kommen bisher von ganz alleine. „Nur eine Hand voll haben wir angesprochen. Die meisten entdecken unsere Webseite und schreiben uns dann“, so Fanis.

Der allererste Kunde, der seinen Minimarkt in der Nähe von Athen hat, hatte auch über das Internet von iKiosk-Service erfahren und schon eine Bestellung aufgegeben, bevor die Firma überhaupt offiziell eingetragen war.

Expansion als großes Ziel

Derzeit ist iKiosk auf der Suche nach Investoren. Das nächste Reiseziel: Istanbul. Start-Up-Gründer Fanis ist noch nie dort gewesen und reist jetzt als Geschäftsmann erstmals an die Stadt am Bosporus. Fanis hofft auf Finanzhilfen von Seiten der EU, in Istanbul stellt er deshalb sein Projekt bei einer europaweiten Konferenz vor. Er kann sich aber auch einen privaten Investor vorstellen. Die Summe, die er am Ende haben muss, um seine nächsten Geschäftspläne umzusetzen, beträgt 1 Million Euro.

Wenn die finanzielle Grundlage für einen Ausbau steht, sollen aus bislang 150 Kunden innerhalb von sechs Monaten 500 werden. Dann heißt das nächste Ziel: Expansion ins Ausland. Fanis hat unter anderem Israel, Russland und Rumänien im Blick. Dort seien die Ladenstruktur ähnlich und die technischen Standards gegeben, um zum Beispiel auch ihre Smartphone-Software nutzen zu können.
„Es wird natürlich noch dauern, bis wir so weit sind“, sagt Fanis. Aber er freut sich auf die neue Herausforderung. Die Abenteuerlust auf mehr Business scheint bei dem 26-Jährigen noch nicht gestillt – trotz Krise.

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