SOZIALDIALOG

Atmosphäre der Angst

Terroranschläge durch Islamisten schüren Vorurteile gegenüber dem Islam. Dies bekommen junge Muslime überall in Europa zu spüren, ganz besonders auch im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. 

Von Lisa Ecke

Schön verzierte Altbauten, kleine gemütliche Cafés. Zwischen den Häusern ein großer Spielplatz und ein Fußballplatz. Ein junger Mann, elegant gekleidet, geht die Straßen entlang. Ab und zu bleibt er stehen, um von seinem Viertel zu schwärmen. Da ist der Jugendtreffpunkt, dort das Stamm-Café. Amine el Morabit ist stolz auf die Gegend. Alles sieht ordentlich aus, oft säumen Bäume und Büsche den Straßenrand. Was optisch ein Stadtteil für eher wohlhabende Menschen sein könnte und an den Prenzlauer Berg in Berlin erinnert, ist eigentlich das aus den Medien als “Problemviertel” bekannt gewordene Molenbeek in Brüssel. Der Attentäter des Jüdischen Museums in Brüssel, der im Mai 2014 vier Menschen tötete, kam aus Molenbeek. Und auch die Waffen vom Pariser Attentat auf Charlie Hebdo stammten aus dem Brüsseler Viertel. Seitdem wird Molenbeek europaweit in den Medien als Negativbeispiel der Integration von Muslimen und als Islamistenhochburg betitelt.

Amin el Morabit

Amine el Morabit

Die Familie von Amine el Morabit kommt ursprünglich aus Marokko. Amine hat viele Identitäten. Er versteht sich als Muslim, als Niederländer, als Belgier. Vor ein paar Monaten ist er aus seinem Geburtsort Den Haag für sein Master-Studium nach Brüssel gezogen. „Als ich nach den Anschlägen nach Belgien gezogen bin, habe ich Molenbeek gar nicht erkannt. Was ich aus den Nachrichten über das Viertel wusste, passt nicht zu meinem Eindruck hier vor Ort. Es gibt nicht nur die kriminelle, perspektivlose Seite von Molenbeek. Die viel wichtigere ist die positive Seite.“ Ein großer Anteil der Molenbeeker glaubt an den Islam und führt selbstverständlich ein friedliches Leben.

Oft wird Terrorismus in öffentlichen Debatten mit dem Islam verbunden

Der Politikwissenschaftler und Friedensforscher Werner Ruf hat Bücher über den Islam und den Islamischen Staat veröffentlicht und ist unter anderem als Gutachter für die EU-Kommission tätig gewesen. Die öffentliche Fokussierung auf Terror, wenn es um den Islam geht, nennt er hysterisch: „Bei Terroranschlägen stürzen sich viele gleich auf Islamismus als Hintergrund, selbst wenn dies nicht zutrifft, wie bei dem Anschlag 2011 in Oslo oder 2016 in München.“ Werner Ruf betont zwar, Islamismus sei ein großes Problem, aber das Thema werde auch oft hochgepuscht: „Wenn nach islamistischen Anschlägen von den Muslimen generell die Rede ist, schafft das ein Klima der Angst. Es entsteht eine Kluft zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, Ressentiments nehmen zu.“ Dies hat auch Amine gemerkt. Er spricht in perfektem Englisch. Vor jedem Satz hält er kurz inne und scheint zu überlegen, wie er sich am besten ausdrückt, es ist sein erstes journalistisches Interview. Wenn er dann redet, klingt alles sehr gewählt. Er würde sicher einen guten Diplomaten abgeben und kann sich auch gut vorstellen, einmal für die Europäische Union zu arbeiten. „Als ich nach den Anschlägen im November 2015 in Paris in mein Büro in den Niederlanden kam, fragten mich meine Kollegen: Was hältst du von den Anschlägen? Mit einer besonderen Betonung auf DU.“

Amine el Morabit vor dem Rathaus in Molenbeek.

Amine el Morabit vor dem Rathaus in Molenbeek.

 

Das war das erste Mal, dass er fühlte, wie Terrorattacken eine Auswirkung auf die Einstellung von Menschen haben. „Und nicht nur auf ungebildete Menschen, oder auf solche, die im Alltag keinen Kontakt zu Muslimen haben.“ Er macht wieder eine Pause. Dann fügt er aber noch hinzu, dass er es eigentlich gar nicht beurteilen könne, ob Vorurteile gegenüber Muslimen zunehmen. Immer wieder betont er im Gespräch, dass er etwas für die Gesellschaft mache, dieser etwas Positives zurückgebe. Würde er das so in den Vordergrund stellen, wenn er ansonsten keine Diskriminierung erführe?

Vorurteile gegenüber Muslimen nützen Extremisten

Werner Rufs Forschung hat gezeigt, dass es ein Ziel der Islamisten ist, genau diese Vorurteile zu schüren und somit die Ausgrenzung von Muslimen aus den EU-Ländern zu bewirken: „Eine Atmosphäre der Angst gegenüber Muslimen spielt den Islamisten in die Hände“. Wenn über islamistischen Terror gesprochen wird, denken in Europa viele zuerst an die Anschläge von Paris oder Brüssel. Dabei seien diese Anschläge, bei denen Westeuropäer sterben, die Ausnahme. Am meisten leiden Muslime unter dem islamistischen Terror. In Syrien, im Irak – aber nicht nur: auch innerhalb der EU, zum Beispiel 2012 bei einem Brandanschlag auf die größte Moschee des muslimischen Kulturvereins in Brüssel. Der damalige Imam kam dabei ums Leben, es gab zwei Verletzte und das Gebetshaus wurde durch das Feuer fast vollständig zerstört. Der Täter gab damals an, Sunnit zu sein und die schiitische Riad-Moschee aus religiösen und politischen Gründen attackiert zu haben. Der Anschlag wurde von den belgischen Behörden nicht als Terrorakt gewertet. Werner Ruf wundert das kaum: „Wenn Muslimen etwas passiert, wird dies von Politikern und Journalisten oft anders interpretiert, als wenn jemand ,von uns’ zu Schaden kommt. Es existiert eine ungleiche Einstellung zu gleichen Sachverhalten.“

Haus im brüsseler Stadtteil Molenbeek

Haus im Brüsseler Stadtteil Molenbeek

Amine el Morabit geht in ein Café, er grüßt die Bedienung. Die Atmosphäre wirkt familiär. Ein kleiner Junge klopft außen an das Fenster und Amine winkt lächelnd zurück. Er erklärt, dass viele aus Molenbeek bei Bewerbungsgesprächen gerne verschweigen, wo sie wohnen: „Ich kann das verstehen, weil es sein kann, dass man dann wegen der Vorurteile nach den Anschlägen nicht eingestellt wird. Aber ich finde es wichtig, dazu zu stehen, wo man lebt. So können falsche Vorstellungen verschwinden.“

Die Ressentiments gegenüber Muslimen sind hoch. Eine Studie der Universität Münster zeigte das Ausmaß schon 2010, noch vor den Terroranschlägen von Paris und Brüssel. Schon damals gaben 73,7 Prozent der Befragten aus den Niederlanden an, bei dem Stichwort “Islam” an Fanatismus zu denken. 66,6 Prozent assoziierten sogar Gewalt. In Dänemark antworteten 69,2 Prozent, an Fanatismus zu denken, und 56,1 Prozent haben den Islam mit Gewaltbereitschaft verbunden. Ähnliche Ergebnisse zeigte die Studie für Deutschland auf. In Portugal und Frankreich waren die Assoziationen mit einem der beiden Begriffe etwas niedriger, zwischen 21 und 41 Prozent. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die negativen Verbindungen zum Islam jetzt, nach den Anschlägen in Westeuropa, noch höher sind. Amine el Morabit wünscht sich seit seinen Erfahrungen mit den Arbeitskollegen mehr Empathie: „Menschen sollten Andere nach ihrem Verhalten, nach ihrem Charakter beurteilen. Nicht nach möglichen Einflüssen von Terrorattacken. Wer die generelle Angst vor bestimmten Menschen über sich kommen lässt, hat schon verloren.“

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