Should I stay or should I go?

Fast jeder zweite junge Erwachsene in Griechenland ist arbeitslos, Hunderttausende sind daher schon ins Ausland gegangen. Acht Jahre nach dem Beginn der Krise stellt sich die Frage: Werden sie zurückkehren?

Von Marlene Resch

Giannis Xioditis wirkt zu gut gelaunt. Er sitzt in seiner Wohnung in Sussex, nippt an seinem Kaffee und müsste eigentlich deprimierter sein. Denn er spricht über die bedauerliche Situation in seinem Heimatland Griechenland und die Auswirkungen der Krise auf junge Leute wie ihn. Darüber, wie der Weg ins Ausland für ihn die einzig verbliebene Reaktion auf die Staatsschuldenkrise war: „Es war natürlich und logisch, dass es so kommen würde, dass ich das Land verlasse – leider“, sagt er. „An einem gewissen Punkt braucht man finanziellen Rückhalt. In Griechenland zu bleiben war da keine Option.“

Nun promoviert der Physiker in Großbritannien und arbeitet bei der Europäischen Organisation für Kernforschung CERN. Das ist es offensichtlich, was ihn aufheitert. Hier kann er sich weiterentwickeln und das machen, was ihm Freude bereitet, sagt er: „Gerade als junge Person möchtest du ja etwas erreichen. Da fühlte es sich in Griechenland manchmal so an, als wärst du in einem Käfig gefangen, in dem du nicht richtig weißt, was du tun kannst.“

Junge Griechen sehen Mangel an Möglichkeiten in ihrem Land

Dieses Gefühl der Perspektivlosigkeit im eigenen Land kennen viele der jungen Erwachsenen in Griechenland. Rund 80 Prozent von ihnen stimmen der Aussage zu, dass ihre Generation mit dem Glauben aufwächst, eventuell das Land verlassen zu müssen, um einen Job zu finden. Das legen die Ergebnisse einer während dieser Recherche durchgeführten Befragung von 92 Griechen zwischen 19 und 35 Jahren dar. Und auch die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit sprechen Bände: 2017 waren 43,6 Prozent der 15-24-Jährigen arbeitslos. Damit liegt Griechenland circa 26 Prozentpunkte über dem europäischen Durchschnitt. Grund genug für viele, ihr Glück im Ausland zu suchen.

Besonders hochqualifizierte junge Griechen verlassen das Land

Wie viele Menschen seit Beginn der Krise – also seit 2010 – emigriert sind, kann niemand so genau sagen. Doch den Zahlen des griechischen Statistikamts Elstat und weiteren Forschungsergebnissen zufolge sind es mehr als 600.000 Personen. „Ein Großteil dieser Emigranten sind junge Leute, viele davon hochqualifiziert“, sagt Nikos Papadakis, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Kreta. Etwa ein Viertel der Emigranten sind laut Elstat zwischen 20 und 29 Jahre alt.

Für Papadakis ist dieser sogenannte „Brain Drain“ – also die Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte – ein ernstzunehmendes Problem: „Griechenland hat in die Ausbildung dieser jungen Leute investiert, die jetzt keine andere Möglichkeit sehen, als das Land zu verlassen. Und andere Länder profitieren davon.“

Sehnsucht nach der Heimat bleibt

Hört man da exemplarisch die Geschichte von Giannis, der nun in Großbritannien arbeitet, zeigt sich, dass das Auswandern häufig mehr rational als emotional begründet ist. Die Trennung vom Heimatland ist für den jungen Emigranten nicht immer einfach: „Ich bin glücklich, dass ich das machen kann, was ich mag – mit gutem Einkommen. Aber natürlich gibt es auch andere Gedanken: Im Ausland zu sein, bedeutet, von meiner Familie, meinen Eltern, meinen Freunden getrennt zu sein. Eigentlich sind meine Hauptgefühle Glück und Zufriedenheit, aber wenn ich tiefer grabe, fühle ich auch ein Bedauern.“

Also doch lieber zurück nach Griechenland? „Ich würde gerne zurückgehen, aber leider sehe ich das in naher Zukunft nicht kommen“, sagt der 23-Jährige. Fürs erste werde er also der Ratio folgen und weiter im Ausland arbeiten. „Und wenn einen doch das Heimweh packt, dann verbringt man Zeit mit den griechischen Freunden, die man hier im Ausland hat, geht Griechisch essen und versucht die Sehnsucht so zu stillen oder skypt mit den Freunden in Griechenland“, sagt Giannis und lacht.

Griechenlands Wandel aktiv mitgestalten

Für Nikos Kabasele war das keine Lösung. Er hat sich nach einem zweijährigen Comic-Kunst-Studium in Frankreich dazu entschieden, nach Griechenland zurückzukehren. Trotz der renommierten Ausbildung und der großen Kunstszene in Angoulême fehlte ihm etwas im Ausland: „Als ich nach Frankreich gegangen bin, dachte ich, dass ich dort bleiben werde. Doch je länger ich da war, desto stärker merkte ich, wie griechisch ich bin und wie sehr ich an die griechische Lebensform gewöhnt bin“, erzählt der Künstler.

„Ich hatte ein wirklich gutes Leben dort, aber ich war ein wenig neidisch, weil ich immer dachte: Warum können wir nicht so ein Leben in Griechenland haben? Warum müssen wir dafür reisen und in andere Länder gehen?“ Also entschied er sich, zurückzugehen, um sich für einen Wandel in seiner Heimat einzusetzen: “Ich wollte mich in die Entwicklung der Kunstszene in Griechenland einbringen. Denn auch wir Griechen haben Dinge und Geschichten, die wir durch Comics erzählen können.“

Nikos Kabasele bei der künstlerischen Gestaltung eines Cafés.

Prekäre Arbeitsbedingungen gehören zum Alltag

Und der junge Grieche scheint zufrieden mit seiner Entscheidung: Nikos hat einen Job als Kunstlehrer und kann nebenbei seine eigene Arbeiten umsetzen. Ein Glücksgriff für ihn, wie er sagt: „Ich kenne Leute, die für mehrere Jahre keinen Job hatten oder jetzt doppelt so viel arbeiten wie ich, aber genauso viel verdienen. Ich sehe also, dass viele Menschen in Griechenland in einer schwierigen Situation sind und auch ausgebeutet werden.“

Prekäre Arbeitsbedingungen seien ein zunehmendes Problem, bestätigt auch Politikprofessor Papadakis – vor allem für Berufseinsteiger: „Die Wahrscheinlichkeit, in schlecht bezahlten Jobs und Teilzeitjobs zu landen, ist bei jungen Leuten, die gerade auf den Arbeitsmarkt gelangen, eindeutig höher.“

Werden die Emigranten zurückkehren?

Bevor sich der Brain Drain also in einen Brain Gain, eine Rückkehr der qualifizierten Arbeitskräfte, verwandeln kann, müsse man erst entsprechende Anreize schaffen und den Arbeitsmarkt reformieren, sagt Papadakis. Der Bürgermeister von Thessaloniki, Ioannis Boutaris, ist optimistisch, dass das funktionieren kann: „Ich habe keine Angst vor Brain Drain. Es ist kein Problem. Lassen wir junge Menschen doch im Ausland studieren – in Deutschland, England oder den USA. Was wir tun können und was wir bereits tun: die entsprechenden Bedingungen herzustellen, die junge Griechen dazu bewegen, zurückzukehren.“

Und das ist es auch, was die Jugend von der Politik fordert: Rund 90 Prozent der jungen Menschen geben in der Befragung an, dass die Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit ein Hauptziel der Regierung sein sollte. Brain Drain und Jugendarbeitslosigkeit werden dabei hauptsächlich als griechisches und weniger als globales Problem wahrgenommen.

Es besteht Hoffnung auf Besserung

Für Prognosen, wie viele junge Griechen letztlich zurückkehren werden, ist es laut Papadakis zu früh. Zwar sinkt die Zahl der Jugendarbeitslosigkeit seit 2013, doch dass die Krise noch nicht vorbei ist, darüber scheinen sich die meisten Griechen einig zu sein.

Trotzdem hofft man, dass das Schlimmste überstanden ist. Selbst Giannis, der noch nicht daran glaubt, bald selbst nach Griechenland zurückzukehren, hat Hoffnung: „Ich bin nicht die Art von Person, die sagt: Jeder muss ins Ausland gehen und Griechenland ist per se schlecht.” Er glaubt, dass es eine Chance für die griechische Gesellschaft und die Wirtschaft gibt, sich zu ändern. “Es wird dauern, aber es gibt eine Chance.“

 

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