Europäische Medien: Raus aus der Komfortzone

Der europäische Kontinent braucht eine vielseitige Medienlandschaft angesichts von Populismus, Propaganda und Europaskepsis. Doch erfolgreich über Europa berichten, das heißt: Raus der Komfortzone. Und zwar für Journalisten und Verleger.

Ein Kommentar von Anna Klein

Brüssel-Berichterstattung ist nicht sexy. Sie steckt fest, irgendwo zwischen nationaler Per­spektive und internationaler Bericht­erstattung. Die europäische Ebene ist eine journalistische Heraus­forderung, denn eine entsprechende Öffentlichkeit entsteht gerade erst. Dafür braucht es hochwertige europäische Medien.

Doch so wünschenswert und wichtig diese länderübergreifende, mehr­sprachige Spielart des Journalismus wäre, so profan scheint die wirtschaftliche Herausforderung: ohne europäische Öffentlichkeit kein europäischer Werbemarkt für die Publizisten.

Der Blick auf die Landkarte hinter den europäischen Qualitätsmedien ist er­nüchternd: Von den führenden Nachrich­tenseiten, die über Europa berichten, wird keine von einem der zukünftig 27 EU-Länder finanziert. Das ergaben die Berechnungen von Wolfgang Blau, dem Digitalchef von Condè Nast. Das Geld kommt zum Beispiel aus Ägypten (euronews) und Japan (Financial Times). Oder es sind britische Investoren, hinter den Nachrichten-Flaggschiffen des Economist, des Guardian oder der BBC.

Was es für die zukünftige Wahrnehmung Europas bedeutet, wenn diese vom Rest der Welt finanziert wird, ist nicht absehbar. Ich bin aber skeptisch, besonders wenn dieser Rest grundsätzlich nicht gerade angetan ist vom euro­päischen Projekt, wie die Briten jüngst deutlich gemacht haben.

Welches Erfolgsrezept gibt es also für Medien auf Europa-Ebene, um nicht verloren zu gehen zwischen der europäischen Dachterrasse und dem nationalen Erdgeschoss? Dafür müssen zwei Dinge funktionieren: das journalistische Netzwerk – und die unter­nehmerischen Strukturen. Erfolgreiche Ansätze sind da, wie EURactiv und Politico zeigen.

Doch Europa ist mehr als Brüssel. Europäischer Journalismus muss deshalb raus aus der Filterbubble. Grenzüberschreitende Projekte wie Investigate Europe, Eurocrimes oder Investico sind die Speerspitze dieses neuen Europa-Journalismus. Doch langfristig kann vereinzelter Aktionismus, so lobenswert und notwendig seine Motive auch sind, den Fehler im System nicht ändern.

Die geeigneten Journalisten dafür bringt die Generation Erasmus hervor, die in Mailand studiert, in Athen gearbeitet und sich in Valencia verliebt hat. Die für Café Babel bloggt, nach Hause skypt und sich mit Interrail und Billigfliegern quer durch Europa schlägt. Die mit neuer Technologie den alten Kontinent erobert, eine europäische Öffentlichkeit schafft und das Netzwerk für einen europäischen Journalismus mitbringt.

5Die Währung erfolgreicher Europa-Publikationen ist ihre Glaubwürdigkeit. Denn im Brüsseler Ge­flecht von Politikern, Lobbyisten und Unternehmern ist journalistische Integrität mehr gefragt als irgendwo sonst. Dafür müssen die Journalisten sorgen. Und die großen Medienhäuser müssen den Mut haben, die notwendigen Struk­turen für erfolgreiche Europa-Berichterstattung zu schaffen. Damit eine europäische Öffentlichkeit entstehen kann. Dafür ist ein Schritt raus aus der finanziellen Komfortzone nötig. Aber komfortabel ist es dort in Zeiten des digitalen Medienwandels ja ohnehin längst nicht mehr.

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